Fahrerassistenzsysteme Hilfreich für Autofahrer mit Grauem und Grünem Star

Abstandskontrolle, Spurkontrolle und Geschwindigkeitskontrolle können Fahrer mit Grauem oder Grünem Star unterstützen, den Pkw sicher durch den Verkehr zu lenken. Allerdings stoßen diese Fahrerassistenzsysteme bei schlechten Sichtverhältnissen oder ungenügender Fahrbahnmarkierung an ihre Grenzen. Augenexperten setzen ihre Hoffnung daher vor allem in leistungsfähige Nachtsichtkameras und elektronische Markierungen der Fahrbahn. 

Heute existieren verschiedene Fahrerassistenzsysteme, die Autofahrer mit nachlassendem Sehvermögen unterstützen können. Dazu zählt die Abstandskontrolle, die das Auffahren auf einen Vordermann verhindern oder den Fahrer zumindest warnen soll. Darüber hinaus gibt es Systeme, die die Fahrspur kontrollieren und damit eine Lenkfunktion übernehmen. Geschwindigkeitskontrollen wiederum setzen Vorgaben zum erlaubten Tempo um, die sie über das Navigationssystem beziehen. „Diese Hilfen sind gut und zuverlässig, stoßen im Alltag jedoch immer wieder an Grenzen“, sagt Frau Professor Dr. med. Nicole Eter, Präsidentin der DOG und Direktorin der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Münster.

So können die Fahrerassistenzsysteme bei ungünstigen Sichtverhältnissen wie etwa Nebel oder schlechtem Zustand der Fahrbahnmarkierungen in der Mitte oder am Randstreifen versagen. „Die heutigen Systeme können zudem nicht hinreichend schnell auf akute Änderungen der Fahrsituation reagieren“, erläutert Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Bernhard Lachenmayr, Sprecher der Verkehrskommission der DOG und des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA). „Dennoch helfen sie älteren Kraftfahrern, deren Sehvermögen in der Dämmerung oder bei Nacht eingeschränkt oder stark reduziert ist“, so Lachenmayr. Dies ist bei Augenerkrankungen wie Grauer Star, Grüner Star oder Altersabhängiger Makuladegeneration der Fall. „Für echt Sehbehinderte etwa mit Gesichtsfeldausfällen sind sie jedoch nicht genügend ausgereift“, fügt der DOG-Experte hinzu.

Aus Sicht des Münchener Ophthalmologen wären zwei technische Entwicklungen für Personen mit nachlassendem Sehvermögen besonders nützlich. „Zum einen leistungsfähige Nachtsichtkameras, von denen Fahrer mit eingeschränktem Dämmerungssehvermögen oder erhöhter Blendempfindlichkeit profitieren würden“, führt Bernhard Lachenmayr aus. Zum anderen elektronische Markierungen an der Fahrbahn, die direkt an den Fahrzeugcomputer übertragen werden und damit eine Unabhängigkeit von Witterungsverhältnissen ermöglichen.

Für weniger sinnvoll hält der DOG-Experte dagegen komplexe Head-Up-Displays, die in das Blickfeld des Fahrers eingespiegelt werden. „Diese Systeme setzen wegen der oftmals kleinen Symbole und des schlechten Kontrasts ein optimales Sehvermögen voraus – zudem eine hervorragende Reaktions- und Koordinationsfähigkeit des Fahrers“, gibt Professor Lachenmayr zu bedenken.

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Widerspruchslösung kann Zahl der Organspenden erhöhen

Wer sich zu Lebzeiten nicht ausdrücklich dagegen ausspricht, wird im Todesfall automatisch zum Organspender – im Sinne einer solchen Widerspruchslösung ist die posthume Organentnahme bereits in vielen Ländern Europas geregelt. Nun möchte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn dieses Modell auch in Deutschland einführen. In die Debatte schaltet sich auch die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) ein: In einer Online-Umfrage hat sich die große Mehrheit der Mitglieder für eine Widerspruchslösung ausgesprochen, und auch der Vorstand unterstützt Spahns Vorschlag. Die DGIIN fordert aber ein Gesamtpaket, das weitere Maßnahmen und eine breite gesellschaftliche Diskussion beinhaltet.

Die Zahl der Organspenden ist seit 2010 in Deutschland um fast ein Drittel gesunken, im vergangenen Jahr wurde mit 797 Spendern ein neuer Tiefstand erreicht. Gleichzeitig warten rund 10.000 Menschen dringend auf ein Spenderorgan, das ihnen die Lebensqualität erhalten oder das Leben retten soll. „Diese Zahlen belegen eindrücklich, dass das bisherige System der Organspende verbessert werden muss“, sagt Professor Dr. Uwe Janssens, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital Eschweiler und Generalsekretär der DGIIN. Die Einführung der Widerspruchslösung könne ein zusätzlicher Schritt sein, um die Zahl der für Transplantationen zur Verfügung stehenden Organe zu erhöhen.

Zudem steht die Bevölkerung der Organspende mehrheitlich positiv gegenüber: In einer aktuellen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erklärten 72 Prozent der Befragten ihre Bereitschaft zur Organspende. Allerdings hatte nur jeder zweite von ihnen einen Spenderausweis ausgefüllt. Gemäß der derzeit geltenden Entscheidungslösung muss der Spender einer Organentnahme jedoch ausdrücklich zugestimmt haben. Liegt kein Spenderausweis vor, können in zweiter Linie auch die Angehörigen über eine Organentnahme entscheiden. Diesen Prozess kehrt die so genannte doppelte Widerspruchslösung genau um: Hat der Spender selbst zu Lebzeiten nicht widersprochen, haben in dieser Variante immer noch die Angehörigen das Recht zum Widerspruch, bevor Organe entnommen werden. Dieser von Spahn bevorzugten Variante stimmten bei der DGIIN-Umfrage 33 Prozent der Experten zu. 43 Prozent favorisierten hingegen die so genannte einfache Widerspruchslösung, bei der nur der Spender selbst widerspruchsberechtigt ist. Insgesamt beteiligten sich mit 1.014 Teilnehmern über 50 Prozent der Mitglieder der DGIIN an dieser Umfrage. „Uns war es als Fachgesellschaft wichtig, auch die Position unserer Mitglieder zu erfragen und ihnen dadurch eine Beteiligung zu ermöglichen“, begründet Professor Dr. Stefan John, Präsident die Entscheidung zu einer Mitgliederbefragung.

Beide Varianten könnten die Zahl der Spenderorgane deutlich erhöhen – denn laut BZgA-Umfrage –  lehnen nur 14 Prozent der Deutschen eine posthume Organentnahme ausdrücklich ab. Die Widerspruchslösung führt zudem deutlicher vor Augen, dass auch derjenige eine Entscheidung trifft, der sich nicht entscheidet. „Wir müssen daher die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Menschen sich umfassend informieren und auf dieser Grundlage frei entscheiden können“, sagt John, der auch Oberarzt und Leiter des Funktionsbereiches Intensivmedizin sowie Leiter des Arbeitskreises Intensivmedizin am Klinikum Nürnberg ist. Hierfür sei eine breite gesellschaftliche Debatte notwendig, in der auch Bedenken ernst genommen werden. Zudem müsse sichergestellt sein, dass jeder über seine Möglichkeit zum Widerspruch informiert sei und ihm aus einem möglichen Widerspruch keine Nachteile erwachsen.

Nach Ansicht der DGIIN reicht die Widerspruchslösung allein jedoch nicht aus, um eine Trendwende in der Transplantationsmedizin herbeizuführen. Dringenden Verbesserungsbedarf sehen die Experten auch bei den klinikinternen Abläufen. „Als Fachgesellschaft begrüßen wir daher einen weiteren Gesetzesentwurf, durch den die Transplantationsbeauftragten gestärkt, der Vorhalteaufwand für die Organentnahme besser vergütet und die Möglichkeiten, einen irreversiblen Hirnfunktionsausfall zeitnah und flächendeckend festzustellen, verbessert werden sollen“, sagt Janssens. Denn heute scheitert eine Organentnahme in einigen Fällen nicht am Willen des potenziellen Spenders oder seiner Angehörigen, sondern an den komplexen Abläufen innerhalb des medizinischen Systems und dem zunehmenden Personalmangel in den Kliniken, so der Experte abschließend.

Mit der Kraft des Lichtes zum Nobelpreis für Physik

Die Deutsche Physikalische Gesellschaft beglückwünscht Arthur Ashkin, Gérard Mourou und Donna Strickland zum Nobelpreis für Physik.

„Besonders freut mich, dass mit Donna Strickland nach langer Zeit eine Frau unter den Preisträgern ist und damit ein starkes Zeichen für die Zukunft setzt“, sagt DPG-Präsident Dieter Meschede. „Sie ist genau wie ihre Kollegen eine überaus würdige Preisträgerin.“ Zusammen mit vielen Journalistinnen und Journalisten verfolgte er im Magnus-Haus Berlin, der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG), die Live-Übertragung zur Bekanntgabe des Nobelpreises für Physik. Wie es der Zufall will, forscht Dieter Meschede selbst stark mit Lasern, um Quanteneffekte zu untersuchen.

Die Physikerin und die Physiker erhielten den Nobelpreis für Physik für ihre bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der Laserphysik, wobei die eine Hälfte des Preises an Arthur Ashkin von den Bell Laboratories, USA geht. Die andere Hälfte geht an Gérard Mourou von der École Polytechnique, Palaiseau, Frankreich und der University of Michigan, USA, und an Donna Strickland von der University of Waterloo, Canada, für ihre Methode zur Erzeugung hochintensiver, ultrakurzer optischer Impulse.

Arthur Ashkin erfand eine optische Pinzette, die Partikel, Atome, Viren oder Zellen mit Laser fangen kann. Mit diesem neuen Werkzeug konnte Ashkin einen alten Traum der Science-Fiction verwirklichen – den Strahlungsdruck des Lichts zu nutzen, um physische Objekte zu bewegen. Einen großen Durchbruch gelang ihm 1987, als er mit der Pinzette lebende Bakterien einfing, ohne sie zu schädigen.

Gérard Mourou und Donna Strickland ebneten den Weg zu den kürzesten und intensivsten Laserpulsen, die je von der Menschheit erzeugt wurden. Die Methode findet große Anwendung in vielen Forschungslaboratorien der Welt, um damit zum Beispiel Materialien hochpräzise zu bearbeiten, Luft elektrisch leitend zu machen und sehr kurze Röntgenpulse zu erzeugen.

Die Deutsche Physikalische Gesellschaft e. V. (DPG), deren Tradition bis in das Jahr 1845 zurückreicht, ist die älteste nationale und mit rund 62.000 Mitgliedern auch größte physikalische Fachgesellschaft der Welt. Als gemeinnütziger Verein verfolgt sie keine wirtschaftlichen Interessen. Die DPG fördert mit Tagungen, Veranstaltungen und Publikationen den Wissenstransfer innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft und möchte allen Neugierigen ein Fenster zur Physik öffnen. Besondere Schwerpunkte sind die Förderung des naturwissenschaftlichen Nachwuchses und der Chancengleichheit. Sitz der DPG ist Bad Honnef am Rhein.

STUDIUM: Praxisbezogene Neuerscheinungen bei APOLLON University Press

Mit „Der Wegweiser zum wissenschaftlichen Arbeiten – Für Studium, Fernstudium und Praxis“ sowie „Bürgerschaftliches Engagement und Soziale Arbeit – Ein Studienbuch für die Praxis“ erscheinen rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse im Oktober 2018 gleich zwei neue Bücher im hochschuleigenen Verlag APOLLON University Press. Beide Publikationen sind wissenschaftlich fundiert und praxisnah aufbereitet und eignen sich damit sowohl für Studierende als auch für Berufspraktiker.

In ihrem Buch „Der Wegweiser zum wissenschaftlichen Arbeiten“ stellen die Autorinnen Marleen Dettmann und Ronja Bense Schritt für Schritt die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens in Studium, Fernstudium und Praxis vor: von den Qualitätskriterien für wissenschaftliche Literatur über Lesestrategien und Zitation bis hin zur Erstellung eigener längerer Texte. Leserinnen und Leser bekommen Tipps und Tricks zur Themenfindung, zur Gliederung und zum Schreibprozess von Haus- oder Abschlussarbeiten. Damit sind sie für das Studium, aber auch für das professionelle Publizieren im Berufsleben gewappnet. Übungen zur Überprüfung des eigenen Fortschritts, die in Web-Based-Trainings online bearbeitet werden können, unterstützen zusätzlich dabei, das Gelesene zu verstehen und zu vertiefen. Darüber hinaus stehen Checklisten zu verschiedenen Schritten wissenschaftlichen Arbeitens als Download zur Verfügung.

Bürgerschaftliches Engagement und Soziale Arbeit stehen dagegen im Fokus des gleichnamigen Buches von Birger Hartnuß. Große gesellschaftliche Herausforderungen, wie etwa der demografische Wandel oder die Integration von Flüchtlingen, wären ohne sie – ähnlich wie notwendige Neuerungen in unserem Sozial- und Bildungssystem – kaum zu bewältigen. Dementsprechend ist es für soziale Organisationen und Einrichtungen unerlässlich, das Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement zu stärken und in ihre Arbeit zu integrieren. Das Studienbuch verschafft einen Überblick über die Zivilgesellschaft, ihre Handlungslogik und Strukturen sowie über Formen und Handlungsfelder bürgerschaftlichen Engagements. Einblicke in ausgewählte Praxisfelder der Sozialen Arbeit und in engagementpolitische Handlungsbedarfe geben etwa Sozialarbeitern, Sozialpädagogen und Sozialmanagern konkrete Strategien und Konzepte an die Hand, um bürgerschaftliches Engagement effektiv zu fördern.

Zu den Autoren
Marleen Dettmann, geboren 1977, studierte Demografie an der Universität Rostock und war währenddessen als studentische Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock tätig. Nach Abschluss des Studiums arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Rostocker Zentrum zur Erforschung des demografischen Wandels sowie mehrere Jahre in der Abteilung für Infektionsepidemiologie am Robert Koch-Institut. Seit 2011 ist sie freiberuflich aktiv mit statistischen Datenanalysen und Beratungstätigkeiten mit dem Schwerpunkt „Demografischer Wandel“.

Ronja Bense, geboren 1995, studierte Kommunikations- und Medienwissenschaften sowie Germanistik an der Universität Bremen. Während des Studiums besuchte sie verschiedene Schreibseminare und vertiefte ihre Textaffinität auch gegenüber Sachtexten. Seit Februar 2017 arbeitet sie als studentische Mitarbeiterin an der APOLLON Hochschule in der Studienentwicklung sowie im Hochschulverlag.

Birger Hartnuß, geboren 1968, arbeitete nach dem Studium der Erziehungswissenschaften in Forschungsprojekten zur Kooperation von Jugendhilfe und Schule an den Universitäten Halle/S. und Greifswald. Er war Mitarbeiter im Sekretariat der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des 14. Deutschen Bundestags (2000–2002) und im Anschluss daran wissenschaftlicher Referent sowie stellvertretender Geschäftsführer des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE) (2002–2007). Seit 2007 ist er in der Leitstelle Ehrenamt und Bürgerbeteiligung in der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz tätig, deren Leitung er im Juni 2017 übernommen hat. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören der Ausbau von Engagementförderung und Bürgerbeteiligung in Rheinland-Pfalz und der Bundesrepublik. Er ist Mitglied mehrerer Beiräte (ZiviZ – Zivilgesellschaft in Zahlen, Netzwerk Bürgerbeteiligung, „jungbewegt – Dein Einsatz zählt“ der Bertelsmann Stiftung) sowie Mitglied des SprecherInnenrats des BBE.

Die Bücher „Der Wegweiser zum wissenschaftlichen Arbeiten – Für Studium, Fernstudium und Praxis“ sowie „Bürgerschaftliches Engagement und Soziale Arbeit – Ein Studienbuch für die Praxis“ sind ab sofort im Buchhandel oder über die APOLLON University Press (www.apollon-hochschulverlag.de) erhältlich.

„Der Wegweiser zum wissenschaftlichen Arbeiten – Für Studium, Fernstudium und Praxis“ von Marleen Dettmann und Ronja Bense, 1. Auflage, Bremen: APOLLON University Press, 2018, 200 Seiten, 24,90 €, ISBN 978-3-943001-41-9

„Bürgerschaftliches Engagement und Soziale Arbeit – Ein Studienbuch für die Praxis“ von Birger Hartnuß, 1. Auflage, Bremen: APOLLON University Press, 2018, 152 Seiten, 24,90 €, ISBN 978-3-943001-42-6

Klimawandel: Die Tundra wächst

Klimawandel fördert Ausbreitung höherwüchsiger Pflanzen in der Arktis

Niedrige Gräser und Zwergsträucher bestimmen die Vegetation der arktischen Tundra. Doch das könnte sich in Zukunft ändern. Mit der Klimaerwärmung sinken die Selektionsvorteile der bisherigen Strategie dieser Pflanzen, sich an den Boden zu pressen um die wärmere bodennahe Luftschicht zu nutzen und sich vor kalten Winden zu schützen. Ein großes internationales WissenschafterInnen-Team unter Beteiligung von BiologInnen der Universität Wien fand nun heraus, dass höherwüchsige Pflanzen in den vergangenen Jahrzehnten in der Tundra signifikant häufiger geworden sind. Die Studie erscheint aktuell in „Nature“.

Das ForscherInnenteam unter Leitung von Anne Bjorkman vom Senckenberg Biodiversitäts und Klimaforschungszentrum & Deutschen Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) hat Daten zu funktionellen Eigenschaften arktischer Pflanzen zusammengetragen und mit Beobachtungen der Vegetationsentwicklung an 117 Tundra-Standorten in Alaska, Kanada, Island, Skandinavien und Sibirien kombiniert. „Dieser Datensatz erlaubt zum ersten Mal eine für das gesamte Tundra-Biom repräsentative Untersuchung der Zusammenhänge zwischen funktionellen Eigenschaften von Pflanzen und Standortbedingungen wie Temperatur und Bodenfeuchte“, erklärt Stefan Dullinger, der gemeinsam mit Karl Hülber, Sabine Rumpf und Philipp Semenchuk vom Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien an der Studie mitgearbeitet hat.

Zu den von den BiologInnen untersuchten Eigenschaften gehören beispielsweise Eigenheiten des Blattaufbaus, der Nährstoffgehalt der Blätter oder die Wuchshöhe der Pflanzen. Wie die Daten zeigen, korrelieren alle diese Eigenschaften mit Temperaturunterschieden zwischen den Standorten. Die Temperaturerwärmung der vergangenen 30 Jahre, rund plus 1°C während des Sommers, spiegelt sich bislang aber nur in einer Veränderung der durchschnittlichen Wuchshöhe der Pflanzen an den 117 unter Dauerbeobachtung stehenden Flächen wider. „Einerseits werden die Arten, die schon vor 30 Jahren am Standort gewachsen sind, jetzt höher. Und andererseits sind neue, an sich höherwüchsige Arten in die Beobachtungsflächen eingewandert“, erläutert Sabine Rumpf.

Die arktische Tundra spielt für den Klimawandel eine wichtige Rolle. Fast ein Drittel des weltweit im Boden gespeicherten Kohlenstoffs sind im Permafrost dieses Bioms gebunden. Ein Schmelzen der Permafrostböden dürfte daher den Klimawandel weiter anheizen. Die Eigenschaften der Pflanzendecke können diesen Abschmelzprozess verzögern oder beschleunigen. Die kausalen Zusammenhänge sind noch nicht vollständig klar, aber eine höhere Pflanzendecke steht im Verdacht eher beschleunigend zu wirken, weil sie Schnee effizienter akkumuliert und daher ein tiefes Durchfrieren des Bodens verhindert. Hülber: „Es könnte also gut sein, dass wir hier eine positive Rückkoppelung erleben: Der Klimawandel verändert die Vegetation der Arktis in einer Weise, die den Klimawandel weiter verstärkt“.

Publikation in „Nature“:
Anne Bjorkman et al. 2018: Plant functional trait change across a warming tundra biome. In: Nature
DOI 10.1038/s41586-018-0563-7.

Lesung und Diskussion: „Die Erfindung der Leistung“ – Autorin Nina Verheyen im Gespräch

Die Historikerin Nina Verheyen diskutiert mit KWI-Direktorin Julika Griem über Leistungsdruck und Optimierungswahn

Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Aber was meinen wir, wenn wir von „Leistung“ sprechen? Wie wurde Leistung zu einer vermeintlich objektiven, individuellen Größe und wie haben sich soziale Beziehungen und Gefühle dadurch verändert? Warum definieren sich Menschen über ihre Leistung – oder über das, was sie und andere dafür halten? Nina Verheyen beschreibt in ihrem aktuellen Buch „Die Erfindung der Leistung“, wie sich das Verständnis von Leistung gewandelt hat und erzählt die Geschichte einer Idee, die unser aller Leben prägt. Gemeinsam mit der KWI-Direktorin Julika Griem und dem interessierten Publikum diskutiert sie über unseren heutigen Leistungsdruck und vermeintlichen Optimierungswahn und plädiert für ein anderes, sozialeres Verständnis von Leistung.

DATUM UND ORT
Freitag, 28. September 2018, 18.30 – 21.00 Uhr
Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI), Gartensaal, Goethestraße 31, 45128 Essen

REFERENTEN
Nina Verheyen ist Historikerin an der Universität zu Köln. Zuvor war sie u.a. am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin tätig sowie Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.
Julika Griem ist seit April 2018 Direktorin des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI).

VERANSTALTER
Eine Veranstaltung des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) im Rahmen der Wissensnacht Ruhr 2018 des Regionalverbands Rhein-Ruhr (RVR).

„Die Erfindung der Leistung“ – Autorin Nina Verheyen im Gespräch

Die Historikerin Nina Verheyen diskutiert mit KWI-Direktorin Julika Griem über Leistungsdruck und Optimierungswahn

Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Aber was meinen wir, wenn wir von „Leistung“ sprechen? Wie wurde Leistung zu einer vermeintlich objektiven, individuellen Größe und wie haben sich soziale Beziehungen und Gefühle dadurch verändert? Warum definieren sich Menschen über ihre Leistung – oder über das, was sie und andere dafür halten? Nina Verheyen beschreibt in ihrem aktuellen Buch „Die Erfindung der Leistung“, wie sich das Verständnis von Leistung gewandelt hat und erzählt die Geschichte einer Idee, die unser aller Leben prägt. Gemeinsam mit der KWI-Direktorin Julika Griem und dem interessierten Publikum diskutiert sie über unseren heutigen Leistungsdruck und vermeintlichen Optimierungswahn und plädiert für ein anderes, sozialeres Verständnis von Leistung.

REFERENTEN 
Nina Verheyen ist Historikerin an der Universität zu Köln. Zuvor war sie u.a. am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin tätig sowie Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.
Julika Griem ist seit April 2018 Direktorin des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI)

Termin:

28.09.2018 18:30 – 21:00

Veranstaltungsort:

Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI), Gartensaal, Goethestraße 31
45128 Essen

Wann das Smartphone für Kinderaugen gefährlich wird

Die übermäßige Nutzung von Smartphones und Tablets fördert die Entwicklung von Kurzsichtigkeit bei Kindern. Das belegen Studien. Doch wieviel Zeit am Handy ist aus Sicht des Augenarztes erlaubt? Auf einer Pressekonferenz im Vorfeld des 116. Kongresses der DOG Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft geben Experten konkrete Empfehlungen zum altersangemessenen Umgang mit elektronischen Medien. Die DOG 2018 findet vom 27. bis 30. September 2018 in Bonn statt.

 In den vergangenen Jahren ist die Anzahl kurzsichtiger Menschen vor allem in den Industrieländern rasant angestiegen. So sind in Deutschland inzwischen 50 Prozent aller jungen Erwachsenen von einer Kurzsichtigkeit betroffen, in einzelnen asiatischen Ländern beläuft sich die Quote sogar auf bis zu 95 Prozent. „Die Zunahme ist vor allem auf sehr frühen und intensiven Gebrauch von PCs, Smartphones und Tablets bei gleichzeitig immer kürzeren Tagesaufenthalten im Freien zurückzuführen“, sagt Frau Professor Dr. med. Nicole Eter, Präsidentin der DOG und Direktorin der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Münster.

Ist Kurzsichtigkeit – in der Fachsprache auch Myopie genannt – einmal vorhanden, bleibt sie bestehen. Eine Myopie beginnt meist im Grundschulalter und nimmt bis ins Erwachsenenalter zu. Es gilt: Je früher sie einsetzt, desto stärker ist ihr Ausmaß. Dabei hat Kurzsichtigkeit nicht nur das Tragen von Brillen oder Kontaktlinsen zur Konsequenz. „Myope Menschen haben auch ein größeres Risiko für schwerwiegende Folgeerkrankungen wie Netzhautablösung, Schädigungen der Makula oder für erhöhten Augeninnendruck, der zu grünem Star führt“, betont Frau Professor Dr. med. Bettina Wabbels, Leiterin der Abteilung für Orthoptik, Neuro- und pädiatrische Ophthalmologie an der Universitäts-Augenklinik Bonn.

Übermäßiger elektronischer Medienkonsum hat aber vermutlich noch weitere negative Auswirkungen. So kann der ständige Blick auf den Screen kindliche Augen reizen, ermüden und austrocknen. Auch steht der abendliche Griff zu Smartphone & Co. in Verdacht, Schlafstörungen auszulösen. „Der hohe Blaulichtanteil der Bildschirme hemmt die Ausschüttung des Hormons Melatonin, das schläfrig macht“, erläutert die Bonner DOG-Expertin. Gehen schon Kleinkinder häufig online, leidet womöglich sogar deren räumliches Vorstellungsvermögen. „Zu viel Smartphone kann zudem Probleme beim Wechsel zwischen Nah- und Fernsicht verursachen, etwa in Form von verschwommenem Sehen oder Schielen“, setzt Bettina Wabbels die Liste schädlicher Folgen fort.

Eltern sollten daher unbedingt die Nutzungsdauer digitaler Medien bei ihrem Nachwuchs begrenzen. „Aus augenärztlicher Sicht sind PC, Smartphone oder Tablet für Kinder bis zu einem Alter von drei Jahren gänzlich ungeeignet“, betont die DOG-Expertin. Für Vier- bis Sechsjährige empfiehlt sie eine tägliche Nutzungsdauer von bis zu dreißig Minuten – so lautet auch die Einschätzung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. „Im Grundschulalter wäre eine Medienzeit von maximal einer Stunde täglich aus augenärztlicher Sicht vertretbar, ab einem Alter von etwa zehn Jahren von bis zu zwei Stunden pro Tag“, ergänzt die Ophthalmologin.

Besitzen Kinder eigene Geräte, die sie außer Haus mitnehmen, sollten die Eltern entweder klare Regeln aufstellen oder die Nutzungsdauer über technische Einstellungen beschränken, etwa mit einer App oder Kindersicherung. Ebenfalls wichtig: „Um Schlafstörungen zu vermeiden, sind elektronische Medien ein bis zwei Stunden vor dem Zubettgehen tabu“, sagt Bettina Wabbels. Das digitale „Daddeln“ sollte im Übrigen stets mit analoger Freizeitgestaltung kombiniert werden. „Es ist der Gesundheit zuträglich, wenn sich Kinder täglich mindestens zwei Stunden bei Tageslicht im Freien aufhalten, das wirkt auch einer Kurzsichtigkeit entgegen“, betont die Expertin. Quelle:  Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft

Was hoher Fleischkonsum mit niedrigem sozialen Status zu tun hat

In Haushalten mit geringem Einkommen wird statistisch mehr rohes und verarbeitetes Fleisch konsumiert als bei Besserverdienenden. Forschungsergebnisse aus Australien legen nahe, dass es eine Verbindung zwischen der Wahrnehmung des eigenen sozio-ökonomischen Status und dem Fleischkonsum gibt. Offenbar führt der Konsum von Fleisch dazu, dass man sich stark und überlegen fühlt. Das Verständnis der psychologischen Hintergründe könnte helfen, den Fleischkonsum der Gesellschaft zu beeinflussen.

Der Verzehr von Fleisch ist ein Symbol von Macht und Status. Die, die ihren sozio-ökonomischen Status gering einstufen, bevorzugen es, Fleisch zu konsumieren und essen aufgrund dieser Selbstwahrnehmung sogar mehr davon. Dies belegen nun aktuelle Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern der Monash University und der University of Technology Sydney (UTS).

Die Studie, die diese Woche im Journal Appetite veröffentlicht wurde, hat bestätigt, dass Teilnehmer, die sich selbst eher einen geringen sozio-ökonomischen Status zuschreiben, fleischlastige Ernährung bevorzugen. Die Marketingpsychologen Dr Eugene Chan von der Monash Business School und Dr Natalina Zlatevska von der Business School der UTS haben die Studie durchgeführt, um die psychologischen Hintergründe des Fleischkonsums und die Art und Weise, wie eben diese beeinflusst werden können, besser zu verstehen.

„Es gibt eine symbolische Verbindung zwischen dem Fleischkonsum und Gefühlen von Stärke, Macht und Männlichkeit. Traditionell ist Fleisch ein Nahrungsmittel, dem ein hoher Status zugeschrieben wird. Man serviert es seinen Gästen oder als Herzstück eines festlichen Anlasses. Deshalb wollten wir diese Verbindung zum Status besser verstehen,“ so Dr Zlatevska.

Mithilfe einer Reihe von Experimenten waren die Wissenschaftler in der Lage zu zeigen, dass es eher der Wunsch nach Status, anstatt anderer Variablen wie Hunger oder möglicher ernährungsbedingter Vorteile war, der die Fleischpräferenz bedingte.

Eines der Experimente beinhaltete den „Beast Burger“, der entweder als fleischbasiert oder vegetarisch beschrieben wurde, jedoch mit demselben Ernährungsprofil und derselben Verpackung angeboten wurde. Es gab eine höhere Nachfrage nach dem Fleischprodukt bei den Teilnehmern, die sich geringer im sozio-ökonomischen Status einstuften.

Die Haltung zum Fleischkonsum und Wege, den Konsum zu verändern, ist für Konsumpsychologen, die Fleischindustrie und für Befürworter von geringerem Fleischkonsum aufgrund von Gesundheits-, Umwelt- oder Tierschutzgründen relevant.

Ärzte und Ernährungsberater raten generell dazu, weniger rotes Fleisch zu sich zu nehmen und insbesondere auf verarbeitetes Fleisch wie Salami oder Wurst zu verzichten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat eine starke Verbindung zwischen dem Verzehr von verarbeitetem Fleisch und Krebs gefunden.

Studien aus dem Vereinigten Königreich und Frankreich haben gezeigt, dass Arbeiterfamilien und Haushalte mit geringem Einkommen mehr rohes und verarbeitetes Fleisch konsumieren als Besserverdiener. Somit werden die neuen Erkenntnisse der australischen Wissenschaftler bestätigt.

Laut der OECD konsumieren Australier durchschnittlich 92,5kg Fleisch pro Person im Jahr. Damit liegen sie signifikant über dem weltweiten Durchschnitt. Als vegetarisch bezeichnen sich momentan etwa 11% der Australier, doch die Tendenz ist steigend.

Die Wissenschaftler mutmaßen, dass man die potenziellen Konsumenten dazu bewegen kann, sich einem höheren oder niedrigeren sozio-ökonomischen Status angehörig zu fühlen, beispielsweise durch Sozialvergleich oder Marketing-Nachrichten, und somit das Ausmaß des Fleischkonsums beeinflussen zu können.

Was Mediziner von Literaturwissenschaftlern lernen können

An der Universität Witten/Herdecke diskutieren Expertinnen und Experten aus Literaturwissenschaft, Linguistik, Medizin und Pflegewissenschaft über Sprache in Arztbriefen und Pflegedokumentationen

Bislang war die Frage nach der „Autorposition“ und Urheberschaft eines Textes etwas, über das sich Literatur- und Sprachwissenschaftler Gedanken machten. „Erst in jüngster Zeit erhält die Diskussion auch in anderen Disziplinen wie der Medizin oder Pflegewissenschaft eine stärkere Aufmerksamkeit“, sagt Prof. Dr. Julia Genz, Professorin für Literaturwissenschaft an der Universität Witten/Herdecke (UW/H). „Die Patienten rücken in der medizinischen Kommunikation und Dokumentation immer stärker in den Mittelpunkt. Seit 2013 haben sie und ihre Angehörigen das Recht, die gesamte Krankenakte einzusehen, und nicht mehr nur ‚objektive Befunde‘ daraus.“ Gleichzeitig sind Medizinerinnen und Mediziner nach der Überarbeitung des „Genfer Gelöbnisses für Ärzte“ zukünftig verpflichtet, medizinisches Wissen „zum Wohl der Patienten und zur Förderung der Gesundheitsversorgung“ mit anderen behandelnden Kollegen zu teilen.

„Für die ärztliche Dokumentation heißt dies, dass alle patientenbezogenen Aufzeichnungen – auch subjektive und persönliche Wertungen und Arbeitshypothesen – dem Patienten auf Wunsch grundsätzlich zugänglich gemacht werden müssen, so Prof. Genz. „Da die Dokumentation sich nun einerseits an Kollegen, andererseits an Patienten und damit medizinische Laien richtet, sehen sich die medizinischen Disziplinen zunehmend mit Fragen konfrontiert, die bisher eher in der Literaturwissenschaft und der Linguistik üblich waren, wie beispielsweise: Wer spricht in dem Text? Wessen Blickwinkel wird eingenommen? Wessen Sprache wird gesprochen? Wer übernimmt die Verantwortung für das Gesagte?“ Grund genug für Prof. Genz, das Thema einmal aus einer interdisziplinären Perspektive zu untersuchen. Dazu veranstaltet sie gemeinsam mit Prof. Dr. Paul Gévaudan von der Universität Paderborn vom 26. bis zum 28. September die Tagung „Sprechen, Schreiben, Erzählen. Polyphonie in literarischen, medizinischen und pflegewissenschaftlichen Diskursen“ an der UW/H.

„Sowohl in medizinischen als auch in linguistischen und literarischen Textsorten schwingen bewusst oder unbewusst mehrere Stimmen und Standpunkte mit“, sagt die Literaturwissenschaftlerin. „In einigen Bereichen, etwa der Pflege, kommt hinzu, dass sich bei professionell Pflegenden eine gewisse Sprachlosigkeit bezüglich vieler Tätigkeiten beobachten lässt, da sie über ein intuitives, habitualisiertes Wissen verfügen, welches bislang selten festgehalten wurde. Auf der Tagung werden wir uns deshalb aus linguistischer, literaturwissenschaftlicher, medizinischer sowie pflegewissenschaftlicher Perspektive mit verschiedenen fachspezifischen Textsorten wie dem Arzt-Brief, der Pflegedokumentation, dem Arzt-Patienten-Gespräch oder fiktionalen Texten befassen.“

Gemeinsam ist diesen Textsorten ein Phänomen, das „sprachliche Polyphonie“ genannt wird. Es handelt sich dabei um das gleichzeitige Auftreten verschiedener Stimmen (Stile, Formulierungen, deiktische Einbindungen wie „hier“, „dort“, „ich“, „jetzt“) und Standpunkte (Verantwortungen, Ansichten, Einstellungen). Genz: „Konkret geht es um die Frage, in wessen Namen und auf welche Art Sprechen, Schreiben und Erzählen geschehen, wer also jeweils Verantwortung für das Gesagte übernimmt, wessen Begrifflichkeit verwendet wird und wie die jeweiligen Kommunikationsverhältnisse optimiert werden können.“

In der Literaturwissenschaft und der Linguistik gibt es zur Klärung solcher Fragen bereits Instrumentarien, wie etwa das kulturwissenschaftlich-literaturwissenschaftliche Polyphoniekonzept von Michail Bachtin. Er geht davon aus, dass fremde Begrifflichkeiten in die Rede übernommen werden, indem ein Erzähler beispielsweise die Sprache von bestimmten Figuren übernimmt. Prof. Genz: „Ein gutes Beispiel ist der Satz ‚Wir gehen jetzt zur Oma‘. ‚Oma‘ ist in diesem Fall ein Begriff, der von einem Erwachsenen geäußert wird, aber die Kinderperspektive berücksichtigt.“

Ziel der Tagung soll es sein, Kriterien, die bisher gesondert in der Linguistik und in der Literaturwissenschaft entwickelt wurden, zusammenzuführen und in einem weiteren Schritt auf andere Fächer wie Medizin oder Pflegewissenschaft anzuwenden. „Idealerweise werden die neuen, interdisziplinär gewonnenen Erkenntnisse in die Literatur- und Sprachwissenschaft zurückgespiegelt und regen eine wünschenswerte verstärkte Zusammenarbeit dieser beiden geisteswissenschaftlichen Richtungen an“, so Genz. „Wichtig ist uns zudem, die Instrumentarien gemeinsam so zu entwickeln, dass mit ihrer Hilfe auch das Arzt-Patienten- beziehungsweise Pflege-Patienten-Verhältnis optimiert wird.“ Langfristiges Ziel sei es, ein Forschernetzwerk aus den beteiligten Fächern aufzubauen.