Lesung und Diskussion: „Die Erfindung der Leistung“ – Autorin Nina Verheyen im Gespräch

Die Historikerin Nina Verheyen diskutiert mit KWI-Direktorin Julika Griem über Leistungsdruck und Optimierungswahn

Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Aber was meinen wir, wenn wir von „Leistung“ sprechen? Wie wurde Leistung zu einer vermeintlich objektiven, individuellen Größe und wie haben sich soziale Beziehungen und Gefühle dadurch verändert? Warum definieren sich Menschen über ihre Leistung – oder über das, was sie und andere dafür halten? Nina Verheyen beschreibt in ihrem aktuellen Buch „Die Erfindung der Leistung“, wie sich das Verständnis von Leistung gewandelt hat und erzählt die Geschichte einer Idee, die unser aller Leben prägt. Gemeinsam mit der KWI-Direktorin Julika Griem und dem interessierten Publikum diskutiert sie über unseren heutigen Leistungsdruck und vermeintlichen Optimierungswahn und plädiert für ein anderes, sozialeres Verständnis von Leistung.

DATUM UND ORT
Freitag, 28. September 2018, 18.30 – 21.00 Uhr
Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI), Gartensaal, Goethestraße 31, 45128 Essen

REFERENTEN
Nina Verheyen ist Historikerin an der Universität zu Köln. Zuvor war sie u.a. am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin tätig sowie Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.
Julika Griem ist seit April 2018 Direktorin des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI).

VERANSTALTER
Eine Veranstaltung des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) im Rahmen der Wissensnacht Ruhr 2018 des Regionalverbands Rhein-Ruhr (RVR).

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Wann das Smartphone für Kinderaugen gefährlich wird

Die übermäßige Nutzung von Smartphones und Tablets fördert die Entwicklung von Kurzsichtigkeit bei Kindern. Das belegen Studien. Doch wieviel Zeit am Handy ist aus Sicht des Augenarztes erlaubt? Auf einer Pressekonferenz im Vorfeld des 116. Kongresses der DOG Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft geben Experten konkrete Empfehlungen zum altersangemessenen Umgang mit elektronischen Medien. Die DOG 2018 findet vom 27. bis 30. September 2018 in Bonn statt.

 In den vergangenen Jahren ist die Anzahl kurzsichtiger Menschen vor allem in den Industrieländern rasant angestiegen. So sind in Deutschland inzwischen 50 Prozent aller jungen Erwachsenen von einer Kurzsichtigkeit betroffen, in einzelnen asiatischen Ländern beläuft sich die Quote sogar auf bis zu 95 Prozent. „Die Zunahme ist vor allem auf sehr frühen und intensiven Gebrauch von PCs, Smartphones und Tablets bei gleichzeitig immer kürzeren Tagesaufenthalten im Freien zurückzuführen“, sagt Frau Professor Dr. med. Nicole Eter, Präsidentin der DOG und Direktorin der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Münster.

Ist Kurzsichtigkeit – in der Fachsprache auch Myopie genannt – einmal vorhanden, bleibt sie bestehen. Eine Myopie beginnt meist im Grundschulalter und nimmt bis ins Erwachsenenalter zu. Es gilt: Je früher sie einsetzt, desto stärker ist ihr Ausmaß. Dabei hat Kurzsichtigkeit nicht nur das Tragen von Brillen oder Kontaktlinsen zur Konsequenz. „Myope Menschen haben auch ein größeres Risiko für schwerwiegende Folgeerkrankungen wie Netzhautablösung, Schädigungen der Makula oder für erhöhten Augeninnendruck, der zu grünem Star führt“, betont Frau Professor Dr. med. Bettina Wabbels, Leiterin der Abteilung für Orthoptik, Neuro- und pädiatrische Ophthalmologie an der Universitäts-Augenklinik Bonn.

Übermäßiger elektronischer Medienkonsum hat aber vermutlich noch weitere negative Auswirkungen. So kann der ständige Blick auf den Screen kindliche Augen reizen, ermüden und austrocknen. Auch steht der abendliche Griff zu Smartphone & Co. in Verdacht, Schlafstörungen auszulösen. „Der hohe Blaulichtanteil der Bildschirme hemmt die Ausschüttung des Hormons Melatonin, das schläfrig macht“, erläutert die Bonner DOG-Expertin. Gehen schon Kleinkinder häufig online, leidet womöglich sogar deren räumliches Vorstellungsvermögen. „Zu viel Smartphone kann zudem Probleme beim Wechsel zwischen Nah- und Fernsicht verursachen, etwa in Form von verschwommenem Sehen oder Schielen“, setzt Bettina Wabbels die Liste schädlicher Folgen fort.

Eltern sollten daher unbedingt die Nutzungsdauer digitaler Medien bei ihrem Nachwuchs begrenzen. „Aus augenärztlicher Sicht sind PC, Smartphone oder Tablet für Kinder bis zu einem Alter von drei Jahren gänzlich ungeeignet“, betont die DOG-Expertin. Für Vier- bis Sechsjährige empfiehlt sie eine tägliche Nutzungsdauer von bis zu dreißig Minuten – so lautet auch die Einschätzung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. „Im Grundschulalter wäre eine Medienzeit von maximal einer Stunde täglich aus augenärztlicher Sicht vertretbar, ab einem Alter von etwa zehn Jahren von bis zu zwei Stunden pro Tag“, ergänzt die Ophthalmologin.

Besitzen Kinder eigene Geräte, die sie außer Haus mitnehmen, sollten die Eltern entweder klare Regeln aufstellen oder die Nutzungsdauer über technische Einstellungen beschränken, etwa mit einer App oder Kindersicherung. Ebenfalls wichtig: „Um Schlafstörungen zu vermeiden, sind elektronische Medien ein bis zwei Stunden vor dem Zubettgehen tabu“, sagt Bettina Wabbels. Das digitale „Daddeln“ sollte im Übrigen stets mit analoger Freizeitgestaltung kombiniert werden. „Es ist der Gesundheit zuträglich, wenn sich Kinder täglich mindestens zwei Stunden bei Tageslicht im Freien aufhalten, das wirkt auch einer Kurzsichtigkeit entgegen“, betont die Expertin. Quelle:  Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft

Was hoher Fleischkonsum mit niedrigem sozialen Status zu tun hat

In Haushalten mit geringem Einkommen wird statistisch mehr rohes und verarbeitetes Fleisch konsumiert als bei Besserverdienenden. Forschungsergebnisse aus Australien legen nahe, dass es eine Verbindung zwischen der Wahrnehmung des eigenen sozio-ökonomischen Status und dem Fleischkonsum gibt. Offenbar führt der Konsum von Fleisch dazu, dass man sich stark und überlegen fühlt. Das Verständnis der psychologischen Hintergründe könnte helfen, den Fleischkonsum der Gesellschaft zu beeinflussen.

Der Verzehr von Fleisch ist ein Symbol von Macht und Status. Die, die ihren sozio-ökonomischen Status gering einstufen, bevorzugen es, Fleisch zu konsumieren und essen aufgrund dieser Selbstwahrnehmung sogar mehr davon. Dies belegen nun aktuelle Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern der Monash University und der University of Technology Sydney (UTS).

Die Studie, die diese Woche im Journal Appetite veröffentlicht wurde, hat bestätigt, dass Teilnehmer, die sich selbst eher einen geringen sozio-ökonomischen Status zuschreiben, fleischlastige Ernährung bevorzugen. Die Marketingpsychologen Dr Eugene Chan von der Monash Business School und Dr Natalina Zlatevska von der Business School der UTS haben die Studie durchgeführt, um die psychologischen Hintergründe des Fleischkonsums und die Art und Weise, wie eben diese beeinflusst werden können, besser zu verstehen.

„Es gibt eine symbolische Verbindung zwischen dem Fleischkonsum und Gefühlen von Stärke, Macht und Männlichkeit. Traditionell ist Fleisch ein Nahrungsmittel, dem ein hoher Status zugeschrieben wird. Man serviert es seinen Gästen oder als Herzstück eines festlichen Anlasses. Deshalb wollten wir diese Verbindung zum Status besser verstehen,“ so Dr Zlatevska.

Mithilfe einer Reihe von Experimenten waren die Wissenschaftler in der Lage zu zeigen, dass es eher der Wunsch nach Status, anstatt anderer Variablen wie Hunger oder möglicher ernährungsbedingter Vorteile war, der die Fleischpräferenz bedingte.

Eines der Experimente beinhaltete den „Beast Burger“, der entweder als fleischbasiert oder vegetarisch beschrieben wurde, jedoch mit demselben Ernährungsprofil und derselben Verpackung angeboten wurde. Es gab eine höhere Nachfrage nach dem Fleischprodukt bei den Teilnehmern, die sich geringer im sozio-ökonomischen Status einstuften.

Die Haltung zum Fleischkonsum und Wege, den Konsum zu verändern, ist für Konsumpsychologen, die Fleischindustrie und für Befürworter von geringerem Fleischkonsum aufgrund von Gesundheits-, Umwelt- oder Tierschutzgründen relevant.

Ärzte und Ernährungsberater raten generell dazu, weniger rotes Fleisch zu sich zu nehmen und insbesondere auf verarbeitetes Fleisch wie Salami oder Wurst zu verzichten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat eine starke Verbindung zwischen dem Verzehr von verarbeitetem Fleisch und Krebs gefunden.

Studien aus dem Vereinigten Königreich und Frankreich haben gezeigt, dass Arbeiterfamilien und Haushalte mit geringem Einkommen mehr rohes und verarbeitetes Fleisch konsumieren als Besserverdiener. Somit werden die neuen Erkenntnisse der australischen Wissenschaftler bestätigt.

Laut der OECD konsumieren Australier durchschnittlich 92,5kg Fleisch pro Person im Jahr. Damit liegen sie signifikant über dem weltweiten Durchschnitt. Als vegetarisch bezeichnen sich momentan etwa 11% der Australier, doch die Tendenz ist steigend.

Die Wissenschaftler mutmaßen, dass man die potenziellen Konsumenten dazu bewegen kann, sich einem höheren oder niedrigeren sozio-ökonomischen Status angehörig zu fühlen, beispielsweise durch Sozialvergleich oder Marketing-Nachrichten, und somit das Ausmaß des Fleischkonsums beeinflussen zu können.

Was Mediziner von Literaturwissenschaftlern lernen können

An der Universität Witten/Herdecke diskutieren Expertinnen und Experten aus Literaturwissenschaft, Linguistik, Medizin und Pflegewissenschaft über Sprache in Arztbriefen und Pflegedokumentationen

Bislang war die Frage nach der „Autorposition“ und Urheberschaft eines Textes etwas, über das sich Literatur- und Sprachwissenschaftler Gedanken machten. „Erst in jüngster Zeit erhält die Diskussion auch in anderen Disziplinen wie der Medizin oder Pflegewissenschaft eine stärkere Aufmerksamkeit“, sagt Prof. Dr. Julia Genz, Professorin für Literaturwissenschaft an der Universität Witten/Herdecke (UW/H). „Die Patienten rücken in der medizinischen Kommunikation und Dokumentation immer stärker in den Mittelpunkt. Seit 2013 haben sie und ihre Angehörigen das Recht, die gesamte Krankenakte einzusehen, und nicht mehr nur ‚objektive Befunde‘ daraus.“ Gleichzeitig sind Medizinerinnen und Mediziner nach der Überarbeitung des „Genfer Gelöbnisses für Ärzte“ zukünftig verpflichtet, medizinisches Wissen „zum Wohl der Patienten und zur Förderung der Gesundheitsversorgung“ mit anderen behandelnden Kollegen zu teilen.

„Für die ärztliche Dokumentation heißt dies, dass alle patientenbezogenen Aufzeichnungen – auch subjektive und persönliche Wertungen und Arbeitshypothesen – dem Patienten auf Wunsch grundsätzlich zugänglich gemacht werden müssen, so Prof. Genz. „Da die Dokumentation sich nun einerseits an Kollegen, andererseits an Patienten und damit medizinische Laien richtet, sehen sich die medizinischen Disziplinen zunehmend mit Fragen konfrontiert, die bisher eher in der Literaturwissenschaft und der Linguistik üblich waren, wie beispielsweise: Wer spricht in dem Text? Wessen Blickwinkel wird eingenommen? Wessen Sprache wird gesprochen? Wer übernimmt die Verantwortung für das Gesagte?“ Grund genug für Prof. Genz, das Thema einmal aus einer interdisziplinären Perspektive zu untersuchen. Dazu veranstaltet sie gemeinsam mit Prof. Dr. Paul Gévaudan von der Universität Paderborn vom 26. bis zum 28. September die Tagung „Sprechen, Schreiben, Erzählen. Polyphonie in literarischen, medizinischen und pflegewissenschaftlichen Diskursen“ an der UW/H.

„Sowohl in medizinischen als auch in linguistischen und literarischen Textsorten schwingen bewusst oder unbewusst mehrere Stimmen und Standpunkte mit“, sagt die Literaturwissenschaftlerin. „In einigen Bereichen, etwa der Pflege, kommt hinzu, dass sich bei professionell Pflegenden eine gewisse Sprachlosigkeit bezüglich vieler Tätigkeiten beobachten lässt, da sie über ein intuitives, habitualisiertes Wissen verfügen, welches bislang selten festgehalten wurde. Auf der Tagung werden wir uns deshalb aus linguistischer, literaturwissenschaftlicher, medizinischer sowie pflegewissenschaftlicher Perspektive mit verschiedenen fachspezifischen Textsorten wie dem Arzt-Brief, der Pflegedokumentation, dem Arzt-Patienten-Gespräch oder fiktionalen Texten befassen.“

Gemeinsam ist diesen Textsorten ein Phänomen, das „sprachliche Polyphonie“ genannt wird. Es handelt sich dabei um das gleichzeitige Auftreten verschiedener Stimmen (Stile, Formulierungen, deiktische Einbindungen wie „hier“, „dort“, „ich“, „jetzt“) und Standpunkte (Verantwortungen, Ansichten, Einstellungen). Genz: „Konkret geht es um die Frage, in wessen Namen und auf welche Art Sprechen, Schreiben und Erzählen geschehen, wer also jeweils Verantwortung für das Gesagte übernimmt, wessen Begrifflichkeit verwendet wird und wie die jeweiligen Kommunikationsverhältnisse optimiert werden können.“

In der Literaturwissenschaft und der Linguistik gibt es zur Klärung solcher Fragen bereits Instrumentarien, wie etwa das kulturwissenschaftlich-literaturwissenschaftliche Polyphoniekonzept von Michail Bachtin. Er geht davon aus, dass fremde Begrifflichkeiten in die Rede übernommen werden, indem ein Erzähler beispielsweise die Sprache von bestimmten Figuren übernimmt. Prof. Genz: „Ein gutes Beispiel ist der Satz ‚Wir gehen jetzt zur Oma‘. ‚Oma‘ ist in diesem Fall ein Begriff, der von einem Erwachsenen geäußert wird, aber die Kinderperspektive berücksichtigt.“

Ziel der Tagung soll es sein, Kriterien, die bisher gesondert in der Linguistik und in der Literaturwissenschaft entwickelt wurden, zusammenzuführen und in einem weiteren Schritt auf andere Fächer wie Medizin oder Pflegewissenschaft anzuwenden. „Idealerweise werden die neuen, interdisziplinär gewonnenen Erkenntnisse in die Literatur- und Sprachwissenschaft zurückgespiegelt und regen eine wünschenswerte verstärkte Zusammenarbeit dieser beiden geisteswissenschaftlichen Richtungen an“, so Genz. „Wichtig ist uns zudem, die Instrumentarien gemeinsam so zu entwickeln, dass mit ihrer Hilfe auch das Arzt-Patienten- beziehungsweise Pflege-Patienten-Verhältnis optimiert wird.“ Langfristiges Ziel sei es, ein Forschernetzwerk aus den beteiligten Fächern aufzubauen.

Studie: Einstellungen der Bevölkerung zu Flüchtlingen

Einstellungen gegenüber Flüchtlingen sind sehr differenziert / Flüchtlingsunterkünfte im eigenen Wohngebiet werden von der Mehrzahl der Anwohnerinnen und Anwohner angenommen

Die Ergebnisse der Kölner Flüchtlingsstudien des Instituts für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität zu Köln zeigen eine weitgehend positive Einstellung in der deutschen Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen. Die Forschergruppe um Professor Dr. Jürgen Friedrichs, Felix Leßke und Vera Schwarzenberg hat in drei Städten in jeweils zwei Wohngebieten mit einer Flüchtlingsunterkunft rund 2.200 Anwohner befragt: in Hamburg (Harvestehude und Bergedorf), Köln (Ostheim und Rondorf) und Mülheim an der Ruhr (Mitte und Saarn). Die Befragung verlief in zwei Wellen, wobei die erste als mündliche Interviews vom Frühjahr 2016 bis Winter 2017 stattfand. Die zweite Welle erfolgte ein Jahr nach der ersten Befragung schriftlich im Frühjahr 2018. Es zeigt sich, dass die Einstellungen auch im zeitlichen Verlauf sehr positiv sind.

So empfinden 47,3 Prozent der Befragten Mitgefühl für Flüchtlinge in Deutschland und 26,5 Prozent sehen Flüchtlinge positiv. Nur 5,1 Prozent gaben an, dass sie Flüchtlingen negativ gegenüberstünden. 10 Prozent der Befragten finden jedoch, dass zu viele Flüchtlinge aufgenommen wurden und weitere 12,1 Prozent fordern eine Zuzugskontrolle.

Nimmt man die positiv konnotierten Antworten zusammen, dann kommen die beiden eher wohlhabenden Gebiete Harvestehude und Rondorf in den Befragungswellen jeweils auf 80 Prozent und 84 Prozent positive Äußerungen. Mülheim Mitte und Ostheim hingegen, die beiden weniger wohlhabenden Gebiete, kommen auf 62 Prozent und 67 Prozent. Unterschiede zwischen den Wohngebieten mit unterschiedlichem sozialen Status sind also zu erkennen. Der soziale Status wurde unter anderem über das Bildungsniveau gemessen.

Eine Reihe weiterer Fragen richtete sich auf die Einstellungen zu der Flüchtlingsunterkunft im eigenen Wohngebiet. „Wir nahmen zunächst an, dass man zwar Flüchtlingen gegenüber generell positiv eingestellt sein könnte, vor der eigenen Haustür aber dennoch keine Flüchtlingsunterkunft akzeptieren würde. Das trifft nicht zu“, sagt Professor Dr. Jürgen Friedrichs, der die Studie leitet. Insgesamt gab es (bei Mehrfachantworten) 72 Prozent positive Antworten, nur 6 Prozent lehnten die Unterkunft ab. In der zweiten Welle sind diese positiven Tendenzen sogar noch stärker ausgeprägt. Insgesamt liegt hier die Quote für positive Antworten bei 94,9 Prozent. Dies spricht dafür, dass sich die ohnehin große Akzeptanz der Flüchtlingsunterkünfte im Wohngebiet nach dem Einzug der Flüchtlinge im Laufe der Zeit durch Gewöhnungseffekte und positive Erfahrungen verstärkt hat oder Befürchtungen nicht eingetreten sind.

Ein wichtiges Ereignis für die Einstellung gegenüber Flüchtlingen waren die Übergriffe in der Silvesternacht 2015/16 in Köln und anderen Städten. Auf die Frage „Haben die Ereignisse von Silvester 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof Ihre Einstellung zu Flüchtlingen verändert?“ antworteten 32, 1 Prozent mit „Ja“, weitere 8,8 Prozent mit „vorübergehend“ und 59 Prozent mit „Nein“.

Das Team der Uni Köln zeigt in der Studie zudem eine Entwicklung von Ängsten und Befürchtungen auf. Auch der Einfluss von unmittelbaren sozialen Kontakten zu Flüchtlingen wurde abgefragt und untersucht. Eine detaillierte Aufschlüsselung der Ergebnisse und weiterführende Informationen zur Studie finden Sie unter diesem Link:
https://www.portal.uni-koeln.de/index.php?id=13893

Buch: Innovationen sind gefährlich – Routine aber ist tödlich

Was können Unternehmen tun, um neue Produkte, Verfahren, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle möglichst erfolgreich zu entwickeln und am Markt zu positionieren? Mit dem neuen Management-Handbuch „Innovation“ von Professor Dr. Müller-Roterberg, Lehrgebiet allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Technologie- und Innovationsmanagement sowie Entrepreneurship an der Hochschule Ruhr West, wird diese Frage mit einem 360-Grad-Blick behandelt: vom Blick auf der Strategie-Ebene bis zur Mitarbeiter*innen-Ebene, vom Blick von innen nach außen (Open Innovation) sowie vom Blick am Anfang des Innovationsprozesses bis zur Markteinführung.

„Wer denkt, Innovationen seien gefährlich, sollte es mal mit Routine versuchen: Die ist tödlich“, formuliert Müller-Roterberg, in Abwandlung eines Zitats vom brasilianischen Schriftsteller Coelho, die Notwendigkeit zur Innovation. Das Thema Innovation ist zu wichtig und zu komplex, um es der Forschung und Entwicklung alleine zu überlassen, fasst Müller-Roterberg die Bedeutung des Innovationsmanagements zusammen.

Innovationsmanager*innen müssen heutzutage Brücken zwischen Technik und BWL bauen, um Schnittstellen in Nahtstellen zu überführen. In diesem Sinne gibt das Buch auf 700 Seiten Tipps, Tools und Checklisten für das Innovationsmanagement. Das Management-Handbuch beantwortet die Fragen, wie man Innovationen anstößt, wie man Geschäftsideen findet, wie man Innovationsprozesse umsetzt bzw. steuert, wie man neue Produkte beziehungsweise Dienstleistungen vermarket und wie man eine innovationsfreundliche Organisation sowie Kultur aufbaut. Zu diesen Themen werden Konzepte wie das Design Thinking, Lean Startup, agiles Projektmanagement und auch der Stage-Gate-Prozess, die Balanced Innovation Scorecard oder das Business Model Canvas vorgestellt. Sie finden im Management-Handbuch Innovation die wichtigsten Methoden des Innovationsmanagements, wie z. B. die Customer Journey, das Quality Function Deployment, TRIZ, Blue-Ocean-Strategie, Lead User und weitere Open-Innovation-Methoden.

Ergänzend dazu stellt Prof. Müller-Roterberg im Praxishandbuch „Innovationscontrolling“ ausführlicher die Bewertungsverfahren sowie Ansätze zur Auditierung von Innovationen vor.

Beide Bücher, das Management-Handbuch Innovation sowie das Praxishandbuch Innovationscontrolling, sind jetzt im Buchhandel erhältlich.

Vom Herzensretter zum Lebensretter

Jedes Jahr erleiden in Deutschland mehr als 50.000 Menschen einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Aber nur in 41 Prozent der Fälle führen Ersthelfer eine Reanimation durch, so eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Das möchte die Bundesarbeitsgemeinschaft Erste Hilfe (BAGEH), ein Zusammenschluss der fünf ausbildenden Hilfsorganisationen in Deutschland, ändern. Aus diesem Grund haben der Arbeiter-Samariter Bund, die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, das Deutsche Rote Kreuz und der Malteser-Hilfsdienst unter Federführung der Johanniter-Unfall-Hilfe ein neues Wiederbelebungs-Konzept mit dem Titel „Von Herzensrettern und Lebensrettern“ entwickelt.

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Ralf Sick, in der BAGEH zuständig für pädagogische Konzepte und federführend bei der Erarbeitung des Herzensretters-Konzepts: „Wir müssen das wichtige Thema Erste Hilfe noch viel stärker in der Gesellschaft verankern. Erstmals gibt es nun ein bundesweit einheitliches Angebot für einen niedrigschwelligen Zugang zur Ersten Hilfe, welches schon bei Kindern und Jugendlichen ansetzt.“

Kern des Konzepts ist ein neuartiger Ansatz für Wiederbelebungs-Trainings, der mit der reinen Herzdruckmassage beginnt und in weiterführenden Modulen den Helfer an die Beatmung und später an den Umgang mit dem Automatischen Externen Defibrillator (AED) heranführt. Dieses Konzept soll besonders an Schulen umgesetzt werden und schon junge Menschen befähigen, die Wiederbelebung zu beherrschen. Eine weitere Besonderheit: Die Trainings werden durch dafür ausgebildete Gleichaltrige durchgeführt.

„Bei unserem Herzensretter-Konzept setzen wir besonders auf junge Menschen als Multiplikatoren. Diese sogenannte Peer-Education hat eine tolle Wirkung: Durch ihre Authentizität kommt sie sehr gut an bei den Schülern“, so Ralf Sick weiter.

Das Herzensretter-Konzept
Das Herzensretter-Konzept besteht aus drei Stufen. Interessierte können die drei Angebote nacheinander besuchen oder direkt mit dem zweiten oder dritten Angebot beginnen:

  1. Herzensretter Bronze: Wiederbelebung nur mit Drücken
  2. Herzensretter Silber: Wiederbelebung mit Drücken und Beatmen
  3. Herzensretter Gold: Wiederbelebung zusätzlich mit AED

Unter dem Begriff „Lebensretter“ fügen sich in diesem Konzept die klassischen Erste-Hilfe-Kurse an, die für alle Notfälle fit machen.

Mehr Informationen zum Herzensretter-Konzept finden sich unter www.herzensretter.info

Kleine Tiere, grosse Wirkung: Wirbellose halten Ökosysteme am Laufen

Ob gross oder klein – pflanzenfressende Tiere wie Hirsche, Murmeltiere, Mäuse, Schnecken oder Insekten spielen eine zentrale Rolle im Ökosystem Wiese. Insbesondere wenn die Wirbellosen fehlen, zerfallen Nahrungsnetze und Nährstoffkreisläufe; das Ökosystem bricht zusammen. Dies zeigen die Resultate einer Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL im Schweizerischen Nationalpark.

Bislang ist wenig bekannt, wie sich ein Verlust von verschieden grossen Tierarten – zum Beispiel vom Hirsch bis zur kleinen Blattlaus – auf die Vernetzungen und somit auch auf das Funktionieren eines Ökosystems auswirkt. Forschende der WSL und ihre Forschungspartner untersuchten in einem fünfjährigen Experiment erstmals unter realen Bedingungen, was bei einem selektiven Ausschluss von verschiedenen Pflanzenfressern im Ökosystem Wiese passiert. Vor allem der Verlust der wirbellosen Tiere könnte gravierende Folgen für diesen Lebensraum haben, legen die in der wissenschaftlichen Zeitschrift «Nature Communications» veröffentlichten Ergebnisse nahe.

In Absprache mit der Parkverwaltung stellten die Forschenden von 2009 bis 2013 Zäune im Schweizerischen Nationalpark auf. Die Zäune schlossen die Pflanzenfresser der Grösse nach von den Wiesen aus: zuerst die grossen Säugetiere wie den Hirsch, dann die kleineren wie Murmeltier, Hase und Maus und zuletzt die wirbellosen Tiere wie Schnecken, Heuschrecken oder Blattläuse. Das Setup des Experiments entspricht der Realität: Sterben Tiere aus, verschwinden sie der Grösse nach; zuerst die Grossen, dann die Kleinen.

Wirbellose übernehmen, wenn Wirbeltiere verschwinden

Fehlten die grossen Säugetiere, gab es mehr Interaktionen zwischen den verbleibenden Lebensgemeinschaften und ihrer unbelebten Umwelt, etwa der Bodenchemie, als wenn die Säugetiere anwesend waren. Konkret heisst dies zum Beispiel, dass vom Wegfallen der Huftiere schnellwüchsige Pflanzenarten profitierten, die Bodennährstoffe gut nutzen können (biotisch-abiotische Interaktion), auf Kosten von Pflanzen, die starke Beäsung ertragen (biotisch-biotische Interaktionen). Mit grossen Säugern, in dieser Studie insbesondere mit Hirschen, funktioniert ein Ökosystem aber nicht schlechter als ohne; es funktioniert anders.

Wurden hingegen alle Tiere ausgeschlossen, auch die oberirdisch lebenden Wirbellosen, nahmen die Interaktionen sowohl zwischen Lebensgemeinschaften (z.B. zwischen Pflanzen und Bakterien im Boden) wie auch zwischen Lebensgemeinschaften und der unbelebten Umwelt (z.B. zwischen Pflanzen und Bodennährstoffen) ab. Die ober- und unterirdische Vernetzung wurde schlechter. «Wir nahmen an, dass vor allem die grossen Tiere eine grosse Wirkung im System haben. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass auch die kleinen, wirbellosen Tiere sehr wichtig für das Funktionieren des Systems sind», sagt Anita Risch, Erstautorin der Studie und Leiterin der WSL-Forschungsgruppe Pflanzen-Tier-Interaktionen.

Wirbellose müssen besser geschützt werden

Je besser die Lebensgemeinschaften auf den untersuchten Wiesen interagierten und so mit ihrer Umwelt vernetzt waren, desto besser funktionierte das Ökosystem. Als Mass für dieses Funktionieren wurden im Nationalpark beispielsweise die Nährstoffverfügbarkeit, die Bodenatmung und die Anzahl Pflanzenarten erhoben. War die Vernetzung hingegen schlecht, funktionierte auch das Ökosystem schlecht. Es wird instabil und kann weniger gut auf sich ändernde Umweltbedingungen reagieren.

Die Resultate des Experiments zeigen, wie wichtig die Lebensgemeinschaft der wirbellosen Tiere für das Funktionieren von Ökosystemen ist, insbesondere, wenn grössere Säugetiere fehlen. Doch die Anzahl Arten und Individuen der Wirbellosen scheinen in der Schweiz wie auch in Mitteleuropa in jüngster Zeit abzunehmen, nicht nur in intensiv bewirtschaftetem Ackerland. «Uns beunruhigt, dass die Wirbellosen vermehrt auch in Schutzgebieten zu fehlen scheinen», sagt Martin Schütz, Mitautor der Studie. Die beiden Forschenden warnen vor einem Verlust an Wirbellosen: «Wir müssen unsere Anstrengungen erhöhen, wirbellose Tiere zu schützen, denn sie sind von immenser Bedeutung für die Vernetzung und Funktionalität unserer Ökosysteme».

Warum Frauen sexy Selfies posten

Eine neue Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Frauen sexy Selfies aufnehmen und veröffentlichen, um miteinander zu konkurrieren und sozial aufzusteigen. Dieses Verhalten wurde nun für Gesellschaften nachgewiesen, in denen Frauen wirtschaftlich benachteiligt sind.

Die University of New South Wales (UNSW) in Sydney hat mit einer neuen Studie die Gründe aufgedeckt, warum Frauen sexy Selfies von sich veröffentlichen. Sie zeigt, dass Frauen mehr dazu tendieren, sich in Gesellschaften mit größerer wirtschaftlicher Ungleichheit zu sexualisieren, als dort, wo sie aufgrund ihres Geschlechts unterdrückt werden.

Im Rahmen der Studie wurden mehrere zehntausend Social Media Posts in 113 Ländern analysiert. Die leitende Autorin, Dr Khandis Blake, von der School of Biological, Earth and Environmental Sciences der UNSW sagt, dass ihr Team Posts untersucht hat, bei denen Selfies aufgenommen wurden und anschließend notiert hat, ob die Fotos ’sexy‘, ‚hot‘ oder ähnlich bezeichnet wurden.

„Wir haben danach geschaut, wo auf der Welt dieses Verhalten am häufigsten auftritt. Üblicherweise gehen Psychologen davon aus, dass sich Frauen besonders mit ihrem äußeren Erscheinungsbild beschäftigen, wenn sie sich durch patriarchalen Druck dazu gezwungen fühlen – also dort, wo Frauen in Gesellschaften leben, in denen ihr Aussehen mehr wert ist, als ihre anderen Qualitäten. Für gewöhnlich lautet das Argument hier, dass Sexualisierung mit Ohnmacht einhergeht,“ so Dr Blake.

„Was wir aber herausgefunden haben, ist, dass Frauen eher dazu tendieren, Zeit und Aufwand in sexy Selfies zu investieren, wo die wirtschaftliche Ungleichheit steigt und nicht in Gesellschaften, in denen Männer mehr Macht besitzen oder die grundsätzliche Ungleichheit der Geschlechter weit verbreitet ist.“

Die Erkenntnisse gelten gleichermaßen in verschiedenen Ländern der Welt und selbst unter Berücksichtigung von Faktoren, die Verhaltensmuster beeinflussen können, wie beispielsweise die Bevölkerungsgröße, der Entwicklungsstand der Gesellschaft und der Internetzugang.

Die Wissenschaftler sagen, dass die Ungleichheit der Gehälter Konkurrenzdenken und Statusängste bei Menschen jeder Herkunft schürt. Hierdurch erst wird ihnen bewusst, wo sie sich auf der sozialen Leiter befinden, und sie entwickeln den Wunsch, mehr verdienen zu wollen als die anderen.

„Gehälterungleichheit ist ein Prädiktor für sexy Selfies und legt somit nahe, dass sexy Selfies Marker von sozialem Aufstieg unter Frauen sind. Hierdurch lassen sich Rückschlüsse auf wirtschaftliche Anreize der lokalen Gesellschaft ziehen,“ so Dr Blake.

„Ob wir das gut oder schlecht finden, in unserer heutigen Gesellschaft kann ein sexy Aussehen zu wirtschaftlichem und zu sozialem Erfolg führen.“

Die Wissenschaftler haben dasselbe Muster auch in anderen Bereichen gefunden, in denen Frauen bemüht waren, ihr äußeres Erscheinungsbild zu verbessern.

„Wir haben in mehr als 100 Wirtschaftszonen in den Vereinigten Staaten hinsichtlich der im Schönheitssalon oder Bekleidungsgeschäften getätigten Ausgaben herausgefunden, dass ungerechte Gehälterverteilungen ebenfalls diese Form der Investition vorhersagen,“ so Dr Blake.

Die Wissenschaftler betonen, dass die neuen Erkenntnisse aus der evolutionstheoretischen Perspektive Sinn machen.

„Diese Formen des Verhaltens sind evolutionstheoretisch gesehen absolut rational und sogar angepasst. Die Grundidee ist, dass die Art und Weise, wie Menschen um Freunde wetteifern bzw. die Dinge, die sie tun, um an die Spitze der Hierarchie zu gelangen, wirklich wichtig sind. Genau hier setzt die Forschung an – es geht darum, wie Frauen miteinander konkurrieren und warum sie es tun.

„Wenn also eine junge Frau ihren Bikini provokant in das richtige Licht rückt, dann sehen Sie sie nicht als stumpfsinnig oder als Opfer der Umstände an. Erkennen Sie, dass sie eine strategische Mitspielerin in einem komplexen, sozialen und entwicklungsmäßigen Spiel ist. Sie versucht das, was sie aus ihrem Leben machen möchte, zu maximieren – so wie jeder andere auch,“ fasst Dr Blake zusammen.

Die Studie wurde im Journal Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS) veröffentlicht.

Wie gut sind Lokalzeitungen?

Forscher der Universität Trier legen Ergebnisse der größten jemals durchgeführten Studie zu deutschen Lokalteilen vor

Gemeckert wird viel und gerne über Lokalzeitungen: Ein Bericht über den Kaninchenzüchterverein reiht sich an den nächsten, Berichterstattung über die Lokalpolitik ist einseitig und die Zeitungen werden eh immer dünner und inhaltsloser. Die Ergebnisse einer Forschergruppe der Universität Trier decken nun auf, wie es um die Qualität unserer Lokalzeitungen steht. Ein Ergebnis vorweg: Auch wenn die Unterschiede zwischen den Blättern groß sind, den Vorwurf von mangelnder Unabhängigkeit muss sich keine Zeitung gefallen lassen.

„Lokalzeitungen schreiben über das, was jeden von uns im Alltag betrifft – egal ob es um die neue Abfallordnung der Stadt geht oder ein großes Fest in der Gemeinde“, sagt Anna-Lena Wagner, Mitarbeiterin des Projekts „Lokaljournalismus in Deutschland“ an der Universität Trier. Das sei für die Forscher einer der Gründe gewesen, dem Lokaljournalismus auf den Zahn zu fühlen.

Das Team rund um den im vergangenen Jahr verstorbenen Medienprofessor Dr. Klaus Arnold war das erste, das sich nach langer Zeit wieder intensiv der Erforschung des Lokaljournalismus in Deutschland gewidmet hat. Insgesamt 103 Lokalzeitungen sowie dazugehörige Internetauftritte mit über 18.000 Artikeln haben Arnold, Wagner und 18 studentische Hilfskräfte untersucht.

Dabei stießen die Wissenschaftler auch auf Kurioses: „Eine Lokalzeitung in einem kleineren Ort hat beinahe über jede Hochzeit und Familienfeier berichtet“, erzählt Anna-Lena Wagner. Tatsächlich sind die Qualitätsunterschiede zwischen Lokalzeitungen in ländlicheren Gemeinden und Metropolenzeitungen teils enorm – in beide Richtungen. Während Lokaljournalisten in Städten anders als ihre Kollegen auf dem Land oft bundes- und weltpolitische Themen auf die lokale Ebene herunterbrechen und über Kontroversen berichten, bieten sie den Lesern weniger Service-Inhalte.

Unabhängig von Stadt und Land ist die Tatsache, dass einige Redaktionen häufiger unausgewogene Artikel schreiben. So erwähnen sie bei kritischen Themen nur die Meinungen einer Seite. Manche der Lokaljournalisten lassen sich auch vor den Werbe-Karren spannen und berichten überwiegend positiv beispielsweise über die Eröffnung eines neuen Restaurants.

„Eines der größten Qualitätsprobleme ist aber, dass die allermeisten Lokalzeitungen den Lesern kaum Möglichkeiten zur Partizipation geben. Leserbriefe besitzen keinen hohen Stellenwert. Nur sehr wenige Zeitungen laden ihre Leser zu Diskussionsrunden oder Ähnlichem ein.“

Aber auch Gutes können die Wissenschaftler der Universität Trier über Lokalzeitungen berichten: Den von Pegida und ähnlichen Gruppierungen gerne verwendeten Vorwurf der „Lügenpresse“ stehen die Ergebnisse der Studie entgegen: „Zu wenig unabhängige Berichterstattung lässt sich dem Lokaljournalismus insgesamt nicht vorwerfen.“ Auch mit der Vielfalt der behandelten Themen können Lokalzeitungen punkten – die Zeitungen bestehen also nicht nur aus Artikeln über Kaninchenzüchtervereine.

Dennoch, was kann man meckernden Kritikern des Lokaljournalismus sagen? „Tatsächlich haben viele Leser nicht die Möglichkeit, auf eine qualitativ bessere Zeitung umzusteigen, weil es in ihrer Region nur noch eine gibt“, sagt Anna-Lena Wagner, „ich kann nur dazu ermuntern, dass man als Leser auf die Zeitungen zugeht und beispielsweise Leserbriefe schreibt. Auch online gibt es ja mittlerweile Möglichkeiten, mit den Journalisten in Dialog zu treten.“

Die Ergebnisse des DFG-geförderten Forschungsprojekts wurden in der Fachzeitschrift Publizistik 2/2018 unter dem Titel „Die Leistungen des Lokaljournalismus“ veröffentlicht.