Buchempfehlung: Leicht auftreten – Unterwegs zu einer anderen Welt

Leicht auftreten dokumentiert ein Experiment. Auslöser dafür war das Desaster des UN-Klimagipfels 2009 in Kopenhagen. Wenn die internationale Politik sich bei der
Bewältigung der großen Aufgaben und Krisen unserer Zeit als unfähig erweist, ist es dann sinnlos, als einzelne etwas verändern zu wollen? Von dieser Frage aus beschloss
die Autorin, ein Jahr lang in der eigenen Lebenspraxis zu experimentieren: Wie lassen sich Gewohnheiten ändern? Was sind Voraussetzungen, Hemmnisse und Perspektiven
auf dem Weg hin zu zukunftsfähigen Lebensweisen? Wo gibt es Ressourcen für ein veränderndes Verhalten, die vielleicht nur darauf warten, wahrgenommen zu werden?

Das alles sind zentrale Fragen gesellschaftlicher Nachhaltigkeit. Doch werden diese Fragen hier nicht auf der Ebene von Fachwissen und Appellen bewegt. Sie impulsieren vielmehr
einen Suchprozess auf einer tieferen Ebene, die die Autorin mit Künstlern und Aktivisten wie Ernst F. Schumacher, Joseph Beuys oder Vandana Shiva als die schöpferische
Dimension des Daseins ansieht. Leicht auftreten macht ein solches Suchen und Experimentieren als spannenden, bereichernden Prozess erkennbar. Zu den Schwerpunkten dabei zählt das Wandern – eine Winterwanderung auf dem so genannten Bonifatiusweg von Mainz nach Fulda. Wandern ist „leicht auftreten“ par excellence.

Doch lassen sich die Aufzeichnungen dazu auch als Erfahrungsbericht darüber lesen, was es bedeuten kann, in einer völlig alltäglichen Umgebung einmal neue Wege
zu gehen. Wandernd kann man sich darin bewandern, scheinbar Vertrautes neu zu entdecken.

Einen zweiten Schwerpunkt bildet der Entschluss, die eigene nicht-nachhaltige Wohnsituation zu verändern. Aus der Innensicht als Genossin dokumentiert die Autorin, wie eine neuartige Wohnungsbaugenossenschaft, die Initiative Möckernkiez, versucht, für rund 1000 Menschen mitten in Berlin unter den Gesetzen des Kapitalismus die Vision eines gemeinschaftlichen, ökologischen Wohnens zu verwirklichen.

Leitmotiv des gesamten Buchs ist das Thema Resilienz: Wie lässt sich jene Widerstandskraft oder „Zähigkeit der Seele“ finden, die befähigt, das Leben mit seinen beängstigenden
Unwägbarkeiten nicht nur zu fristen, sondern ihm Schönheit, Freude und Würde abzugewinnen? Infolge des Knappwerdens von Öl, anderer Rohstoffe sowie des Klimawandels ist derzeit auch im Blick auf Kommunen und Regionen immer häufiger von Resilienz die Rede.

Nicht nur die Akteure der Transition Town-Bewegung arbeiten inzwischen lieber mit diesem Begriff und Ansatz als mit dem der Nachhaltigkeit. Denn die Dinge unter dem Gesichtspunkt lokaler „Selbstheilung“ zu betrachten, setze mehr Kreativität und Initiative frei. Was hat es damit auf sich? Auch dem geht Leicht auftreten nach. Leicht  auftreten enthält eine Fülle kleiner Strategien, die helfen, selbst den eigenen Weg hin zu einer anderen, wünschenswerten Welt mutig und wach zu erkunden. Die Pointe dieser Strategien ist, dass sie nicht moralisch sind. Das Buch ermuntert dazu, was immer einem begegnet, ob im Persönlichen oder Globalen, als Werkstoff zu betrachten, der in einer bestimmten Gestaltung vorliegt – und daher vom Prinzip her auch anders, neu gestaltet werden kann.

Hildegard Kurt, die auch praktisch auf dem Feld der Sozialen Plastik (Joseph Beuys) tätig ist, erforscht: Auf welchen Wegen wird es möglich, jenseits von Geboten und Vorsätzen
die gesamte Lebenspraxis als eine Werkstatt zu betrachten, worin wir alle zu Künstlerinnen und Künstlern von der Art werden können, wie die Welt sie jetzt braucht. Dabei besticht dieses Buch durch die Kraft seiner Reflexion und seine lebendige, immer wieder auch poetische Sprache.

Zur Autorin
Hildegard Kurt, promovierte Kulturwissenschaftlerin, hat im internationalen Kontext Pionierarbeit zur Verbindung von Kunst, Kultur und Nachhaltigkeit geleistet. Sie ist Mitbegründerin des „und. Institut für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit (und.Institut)“, dessen Berliner Büro sie leitet.

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