EU-Agrarefom: Verschlechterung der biologischen Vielfalt

Ilse Aigner hatte sie gefeiert wie eine grüne Revolution. Von Anfang an herrschte ihr gegenüber jedoch große Skepsis, die sich jetzt zu bewahrheiten scheint: Die EU-Agrarreform vom vergangenen Jahr sollte die Landwirtschaft in der EU umweltverträglicher machen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, wie Biodiversitätsforscher nun in einer Studie im renommierten Wissenschaftsmagazin Science belegen. „Statt den Zustand der biologischen Vielfalt zu verbessern, wird die Reform ihn sogar noch verschlechtern“, so Klaus Henle, einer der Hautautoren, im Interview. Ein Gespräch über die Erkenntnisse der Studie, die Frage nach dem Ökologischen in der Agrarreform und Schweineexporte der EU nach China.

„So erreichen wir das Ziel, den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen, auch bis 2020 nicht“, prophezeiten Biodiversitätsexperten bereits direkt nachdem die Reform im vergangenen Jahr beschlossen wurde. Und sie sollten Recht behalten.Grüner und gerechter wollte der bisherige EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos das System machen. Dazu wollte er die Beihilfen der kommenden sechs Jahre von rund 360 Milliarden Euro, einem Drittel des EU-Haushaltes und damit dem größten Posten überhaupt, nicht länger mit der Gießkanne an Europas Landwirte verteilen. Sondern gezielt diejenigen fördern, die etwas für Umwelt und Natur leisten, und Zahlungen an Umweltauflagen koppeln. Das, wie gesagt, wollte der Kommissar.

Doch dann wurde die ursprünglich ambitionierte, grüne Reform weitestgehend ausgebremst. Was blieb ist ein Reförmchen. Laut Klaus Henle vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig und einer der Hauptautoren der aktuell in Science erschienen Studie, sogar eines mit negativen Folgen für die Umwelt. „In allen durch die EU regulierten Bereichen der Landwirtschaft gibt es keine Weiterentwicklung hin zu höheren ökologischen Standards. Stattdessen Stillstand oder sogar Rückschritt“, so der Professor für Naturschutzforschung. An welchen Stellen das besonders bemerkbar wird, erläutert er im NeFo-Interview.

Unsere Steuergelder würden genutzt werden, um ein System zu stützen, das ausschließlich auf Masse ausgerichtet sei und nicht an einer umweltverträglicheren Nahrungsmittelproduktion, beklagt er. Schon jetzt nehme die Überproduktion derartige Ausmaße annehmen, dass wir Schweinefleisch nach China exportieren.  Die Kosten für die entstehenden Umweltschäden muss wiederum die Gesellschaft tragen. Durch zunehmende Erosion müssen Gewässer entschlammt, um die Fischpopulationen nicht absterben zu lassen und Hochwasser zu verhindern, oder die eingesetzten Chemikalien aus dem Grundwasser entfernt werden. So wird beispielsweise in Niedersachsen, dem Land mit den meisten landwirtschaftlichen Flächen, bereits für rund 60 %  der Grundwasseroberfläche der aktuelle Nitrat-Grenzwert überschritten. Das Trinkwasser muss daher unter hohen Kosten gereinigt werden.

Prof. Henle fordert daher, diese Schadkosten an die Verursacher weiterzugeben – also die Landwirtschaftsbetriebe selbst. „Ich kann ja auch nicht mein Abwasser in Nachbarsgarten ableiten, sondern muss dafür gerade stehen und die Entsorgungskosten übernehmen.“ Dann würde sich ganz automatisch zeigen, welche Form der Nahrungsmittelproduktion gewinnträchtiger sei und welche nicht. Quelle: Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung

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