Biodiversität in Landwirtschaft und Ernährung ist gefährdet

Premiere für die biologische Vielfalt: Der erste Weltzustandsbericht über die Biodiversität in Landwirtschaft und Ernährung „The State of the World’s Biodiversity for Food and Agriculture“ wurde am 22. Februar 2019 von der Welternährungsorganisation (FAO) veröffentlicht.

Der Bericht liefert ein umfassendes Bild über Zustand und Nutzung der Biodiversität in Landwirtschaft und Ernährung weltweit. Er beschreibt neben den vielen Vorteilen der biologischen Vielfalt auch, wie Landwirtschaft, Viehzucht, Waldbewirtschaftung und Fischerei die biologische Vielfalt geformt und erhalten haben. Er identifiziert zudem wichtige Treiber für positive, aber auch negative Trends in der Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der biologischen Vielfalt. Außerdem stellt er Produktions-praktiken vor, die die Biodiversität fördern.

Nachhaltigere, widerstandsfähigere Ernährungssysteme sind gefragt

Mit dem Bericht ist eine solide Grundlage für die Gestaltung nachhaltiger und widerstandsfähiger Ernährungssysteme gelegt, denn vielfältige und gesunde Nahrungsmittel können nur auf Basis biologischer Vielfalt in Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft erzeugt werden. Laut FAO-Bericht schwindet diese Vielfalt allerdings weltweit stark. Dies gefährdet viele Zukunftsoptionen. Maßnahmen zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung sollten daher dringend durchgeführt werden.

1.300 Mitwirkende aus 91 Ländern

Der globale und partizipative Bericht ist ein Meilenstein in der Dekade der Vereinten Nationen über die biologische Vielfalt sowie in der Arbeit der Kommission für Genetische Ressourcen und Landwirtschaft (CGRFA) der Welternährungsorganisation (FAO).

Über 175 Autoren und Gutachter, die ihre Analyse auf 91 Länderberichte stützten, arbeiteten in den vergangenen fünf Jahren an der Erstellung des Berichts mit. Am gesamten Prozess waren über 1.300 Mitwirkende weltweit beteiligt. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung koordinierte dabei den deutschen Beitrag für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und unterstützte darüber hinaus das BMEL bei Verhandlungen zum Bericht bei der CGRFA.

Der Bericht ist verfügbar unter http://www.fao.org/state-of-biodiversity-for-food-agriculture/en/

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Pflegenotstand in Deutschland: Migrantische Pflegekräfte als Lösung für Staat und Familien?

Abschluss eines dreijährigen Forschungsprojekts zur Langzeitpflege von alten Menschen im deutsch-niederländischen Vergleich und internationale Konferenz zum Thema Pflegenotstand in Mainz

Deutschland im Pflegenotstand – das Schlagwort von der unzureichenden finanziellen und personellen Ausstattung der Pflegestrukturen ist schon seit Langem bekannt, aber an der Situation scheint sich nichts zum Besseren zu wenden, eher im Gegenteil. Die Zahl der Älteren und Pflegebedürftigen nimmt zu und damit auch die Zahl der Menschen, die zu Hause gepflegt werden möchten. Viele Familien fühlen sich zur häuslichen Pflege eines Angehörigen moralisch verpflichtet, oft ist dies aber alleine kaum zu schaffen. Eine gewisse Hilfe kann die Anstellung von ausländischen Pflegekräften bringen, allerdings sind diese Arrangements in verschiedener Hinsicht äußerst problematisch. Die migrantischen Pflegearbeiterinnen verfügen häufig über keine entsprechende Ausbildung, müssen rund um die Uhr zur Verfügung stehen und werden unter Mindestlohn bezahlt. Ein Forscherteam an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat diese Pflegearrangements untersucht und wird dazu und zum Thema Pflegenotstand am 11. und 12. März eine internationale Konferenz abhalten.

Steigende Kosten, überforderte Familienangehörige, ein Mangel an Pflegekräften und die zunehmende Komplexität des gesamten Systems sind die wesentlichen Faktoren des anhaltenden Pflegenotstands in Deutschland. Nicht nur staatliche Stellen, sondern auch private und öffentliche Pflegeeinrichtungen suchen neue Arbeitskräfte im Ausland und laut einer Recherche der Stiftung Warentest werben über 250 Vermittlungsagenturen mit einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch ausländische Hilfskräfte in Privathaushalten. Kamen diese migrantischen Pflegearbeiterinnen bisher vorwiegend aus Polen, so reisen jetzt zunehmend auch Frauen aus anderen osteuropäischen Ländern wie Rumänien oder der Slowakei an. Sie wohnen mit den Familien unter einem Dach und kümmern sich um die Pflegbedürftigen und teilweise auch um den Haushalt.

Gemäß einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung sind rund 200.000 Care-Arbeiterinnen aus Mittel- und Osteuropa in Deutschland tätig; die Dunkelziffer ist allerdings hoch. „Uns hat überrascht, wie stark verbreitet diese Pflegearrangements mit migrantischen Arbeiterinnen mittlerweile sind“, teilt Prof. Dr. Cornelia Schweppe von der JGU zu den dreijährigen Untersuchungen mit. „Dabei erfolgt der allergrößte Teil dieser Anstellungen informell, das heißt es besteht kein reguläres Arbeitsverhältnis, die Arbeitszeiten sind zu hoch, der Lohn niedrig. Im Grunde weiß dies jeder, aber es wird nicht interveniert.“ Schließlich scheinen diese Arrangements auf den ersten Blick im Interesse aller Beteiligten zu sein: Die Familien haben eine Lösung gefunden, die migrantischen Pflegekräfte eine im Vergleich zu ihren Herkunftsländern besser bezahlte Tätigkeit und der Staat kann am bisherigen Pflegesystem festhalten, statt unpopuläre, weil teure Reformen durchzuführen.

Beschäftigung von migrantischen Pflegearbeiterinnen in Familien: Die Chemie muss stimmen

Wie die Untersuchung zeigt, spielt es für die Familienangehörigen zunächst kaum eine Rolle, dass die migrantischen Pflegearbeiterinnen in der Regel über keine entsprechende Ausbildung verfügen. Wichtig ist vielmehr die zwischenmenschliche Ebene. „Die Chemie muss stimmen“, sagt Schweppe zu dem Befund, der auf Interviews mit Familienangehörigen und Migrantinnen basiert.

Die Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftler haben nicht nur festgestellt, dass diese Art von Pflegearrangements stark zugenommen hat, sondern auch, dass es die unterschiedlichsten Konstrukte gibt: Bei dem klassischen Modell pendeln die Pflegekräfte alle drei Monate nach Hause im Wechsel mit einer zweiten Kraft, bei Schwerstpflegebedürftigen sind Familienmitglieder weiterhin stark in der Pflege involviert, in anderen Fällen werden ortsfremde Familienangehörige im Wechsel mit den ausländischen Hilfen einquartiert oder es werden zwei migrantische Pflegearbeiterinnen gleichzeitig beschäftigt. „Das Modell wird außerordentlich flexibel genutzt, sodass es allen möglichen Bedürfnissen gerecht wird“, sagt Dr. Vincent Horn, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsteams. Das Ausmaß dieser Arrangements sei aber, so Horn, nur vor dem Hintergrund zu verstehen, dass der Gang ins Altenheim abgelehnt wird und die Familie mit der Betreuung an ihre Grenzen stößt. „Die Familienangehörigen haben ein starkes Verpflichtungsgefühl gegenüber den zu pflegenden Personen, was auch auf das schlechte Image der Pflegeheime zurückzuführen ist“, so Vincent Horn.

Blick über die Grenze: Österreich und Niederlande als Wegweiser?

„Wir können anhand unserer Studie keine allgemeinen Schlüsse ziehen, was gute Pflege bedeutet. Dazu sind die Bedingungen in den Familien zu verschieden“, so Horn. Er lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass es sich bei dem deutschen System der Altenpflege um ein Flickwerk handelt, das vor allem die Familien in die Verantwortung nimmt – und sie mit irregulären Pflegearrangements alleine lässt. Ein Blick über die Grenzen könnte zeigen, dass es auch anders geht. Österreich hat zum Beispiel 2007 die qualitätsgesicherte 24-Stunden-Betreuung auf eine legale Basis gestellt. Die Niederlande haben bereits vor Jahrzehnten entschieden, einen professionellen öffentlichen Pflegesektor zu schaffen und gleichzeitig die Familien aus der Verantwortung zu nehmen. „Die Niederlande verfügen heute über ein sehr gutes Netz ambulanter Dienste und anderer Hilfen im Haushalt“, beschreibt Horn die Situation im Nachbarland. Mit der finanziellen Ausstattung und den bisherigen Regulierungen der sozialen Pflegeversicherung in Deutschland wäre dies allerdings nicht zu machen.

Wie es mit der Altenpflege in Deutschland und auch international in Zukunft weitergehen könnte, wird Thema eines Symposiums, das am 11. und 12. März 2019 in Mainz stattfindet. „The Long-Term Care Crisis: Tapping into Labour Resources Within and Across National Borders“ befasst sich mit dem Pflegenotstand in vielen industrialisierten Ländern und tragfähigen, nachhaltigen Lösungen für die Zukunft – insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Verfügbarkeit migrantischer Pflegearbeiterinnen zukünftig möglicherweise knapper wird. Wie kann man Arrangements in der häuslichen Pflege gestalten, damit die Qualität der Pflege gesichert ist? Wie kann man das Risiko der Gewaltanwendung minimieren? Wie können die Arbeitsbedingungen fair gestaltet und rechtlich abgesichert werden? Wie genau läuft die Pflege in anderen Ländern? Referenten aus den USA, Asien, Israel und Europa werden bei dem Symposium über den Pflegenotstand und die Wanderbewegungen von Pflegekräften über Grenzen hinweg sprechen. Die Veranstaltung findet am Montag, 11. März und Dienstag, 12. März im Erbacher Hof, Grebenstraße 24-26, 55116 Mainz statt.

Das Symposium markiert gleichzeitig den Abschluss des dreijährigen Forschungsprojekts „Entwicklung und Bedeutung transnationaler Altenpflegearrangements“, das von der Arbeitsgruppe Sozialpädagogik der JGU im Verbund mit der Universität Nijmegen in den Niederlanden durchgeführt wurde. Finanziert wurde es aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Netherlands Organisation for Scientific Research (NWO).

Burnout-Prophylaxe: Selbstmanagement und mentale Stärke im Arbeitsleben

Neues Buch zeigt, wie man durch Training der mentalen Stärke und berufsrelevanter Kompetenzen, Depressioenn vorbeugen und die psychische Gesundheit steigern kann.

Depression und andere psychische Leiden entwickeln sich zur Volkskrankheit. In den vergangenen zehn Jahren hat sich laut AOK-Fehlzeitenreport 2018 die Zahl der Fehltage wegen der Psyche mit 117 Tagen je 1.000 Versicherte verdreifacht. Hochgerechnet auf die mehr als 36 Millionen gesetzlich krankenversicherten Beschäftigen heißt das: Es wurden im Berichtsjahr 2017 166.000 Menschen in Deutschland mit insgesamt 3,7 Millionen Fehltagen wegen eines Burnouts krankgeschrieben. Die Widerstandskraft gegen Stress im Beruf lässt sich aber erfolgreich trainieren. Wie Betriebe und jeder Einzelne das tun können, zeigt der Landauer Wirtschaftspsychologe Ottmar L. Braun in seinem neuen Buch „Selbstmanagement und Mentale Stärke im Arbeitsleben“.

Zeitdruck, Arbeitsverdichtung, steigende Bürokratie oder permanente Erreichbarkeit lassen die Anforderungen im Job immer komplexer werden. Wer gesund bleiben will, muss wissen und lernen, wie man die Balance zwischen Belastungen und Entlastungen schaffen kann. Seit über fünf Jahren untersucht Ottmar L. Braun, wie sich Ansätze der Positiven Psychologie in Trainings umsetzen lassen, um die psychische Gesundheit zu steigern und gleichzeitig die beruflichen Kompetenzen zu fördern. Die Positive Psychologie ist eine neuere Richtung der Psychologie. Sie betont die Stärken der Menschen und bringt diese zum Einsatz.

Brauns Forschung zeigt, dass sich die Techniken der Positiven Psychologie vorteilhaft auf die Arbeits- und Lebenszufriedenheit auswirken und die Gefahr von depressiven Verstimmungen minimiert. In seinen Trainings vermittelt Braun neben dem zentralen Kern des positiven Tagesrückblicks auch immer eine weitere Kompetenz, beispielsweise ein effektives Zeitmanagement, eine gesteigerte Selbstdisziplin oder die Fähigkeit, sich sozial zu vernetzen. Denn diese Kompetenzen führen zu mentaler Stärke, die wiederum Optimismus, Selbstvertrauen, psychische Widerstandsfähigkeit oder die Fähigkeit bedeutet, Emotionen zu regulieren. Die positiven Effekte der mentalen Stärke auf Arbeits- und Lebenszufriedenheit und ein dadurch vermindertes Risiko zu Stress und depressiven Krisen hat Braun empirisch belegt. Interventionen, also gezielte und geplante Maßnahmen zur Prävantion, werden in der psychologischen Forschung danach beurteilt, ob sie einen kleinen, einen mittleren oder einen starken Effekt haben. „Bei der mentalen Stärke erzielen wir meist mittlere bis starke Effekte, bei den Kompetenzen meist starke Effekte“, so Braun.

Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens, die sozialen Folgen für den Einzelnen groß, denn seelische Erkrankungen ziehen die mit Abstand längsten Ausfallzeiten nach sich. Der Gesetzgeber hat auf die steigenden Belastungen am Arbeitsplatz reagiert. Seit 2014 hat er die Arbeitgeber im Arbeitsschutzgesetz dazu verpflichtet, Gefährdungsbeurteilungen zur psychischen Belastung aller Arbeitsplatzarten im Unternehmen durchzuführen. Auch mit dieser Thematik – der Verhältnisprävention – beschäftigt sich Braun.

„Seminare, die die klassischen Methoden der Positiven Psychologie vermitteln, sind sehr effektiv“, so Braun. Die Interventionen beginnen direkt nach den Tagesseminaren zu wirken und konnten auch noch vier Wochen danach nachgewiesen werden. Sinnvollerweise sollte einmal pro Jahr ein Seminar besucht werden. „Mentale Stärke lässt sich einfach fördern. Unternehmen, denen die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter am Herzen liegt, geben ihnen diese Methoden an die Hand“, so Braun.

Brauns Buch bietet Impulse für Personalverantwortliche und Führungskräfte. Es beinhaltet eine Sammlung von Studien, in denen verschiedene Trainings zur Förderung von Selbstmanagementkompetenzen durchgeführt und evaluiert worden sind. Die vorgestellten Übungen und Techniken sind so konzipiert und ausgewählt, dass sie sich direkt in den Alltag übertragen lassen. Jeder Trainingsablauf wird beschrieben, Fallbeispiele zu jeder Selbstmanagementkompetenz, Theorien und praktische Übungen präsentiert.

Das Buch
Ottmar L. Braun
Selbstmanagement und Mentale Stärke im Arbeitsleben. Training und Evaluation. Springer-Verlag: Berlin 201

Den Krebs überlebt, aber trotzdem nicht gesund

Die gute Nachricht: Immer mehr Menschen überstehen ihre Krebserkrankung. Sie werden geheilt oder können mit der Krankheit langfristig leben. Doch der Krebs selbst, wie auch seine Behandlung fordern oft ihren Tribut. Viele Betroffene leiden noch Jahre und Jahrzehnte später unter körperlichen, seelischen und sozialen Folgen, wie Wissenschaftler aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum aktuell erfasst haben. Experten fordern eine gesetzlich geregelte und umfassende Langzeit-Nachsorge für diese Menschen.

In Deutschland leben ungefähr 4,4 Millionen Männer und Frauen mit bzw. nach einer Krebserkrankung (sog. „Cancer Survivors“). Mehr als die Hälfte sind Krebs-Langzeitüberlebende, also Menschen, deren Krebsdiagnose mehr als fünf Jahre zurückliegt. Tendenz steigend. Gründe hierfür sind die zunehmende Zahl der Neuerkrankungen – aufgrund der demographischen Entwicklung – sowie die dank der Erfolge der biomedizinischen Forschung verbesserte Früherkennung, Diagnostik und Therapie von Krebs. Die Lebenssituation der Krebs-Überlebenden kann individuell sehr unterschiedlich sein. Sind die einen fast beschwerdefrei und kehren nach der Therapie zu einem normalen Leben zurück, so haben andere schwerwiegende Probleme. Die Belastungen sind oft vorübergehend, können aber auch andauern. Das Risiko für Spätfolgen ist abhängig von der Krebserkrankung und ihrer Behandlung. Auch Veranlagung, Lebensführung und Umweltfaktoren spielen eine Rolle.

Spätfolgen beeinträchtigen die Lebensqualität

Die Bandbreite und Ausmaß der Spätfolgen sind sehr vielfältig. Patienten und Angehörige, die uns kontaktieren, berichten von Fatigue, Neuropathie, Depressionen und Angst ebenso wie von familiären, beruflichen und finanziellen Problemen. Hinzu kommen Organschäden, zum Beispiel an Herz, Lunge und Nieren. Auch über Störungen der Fruchtbarkeit und Sexualität klagen viele“, so Dr. Susanne Weg-Remers. Sie ist Leiterin des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums. Seit über 30 Jahren stehen Ärztinnen und Ärzte Patienten und Angehörigen kostenlos für alle Fragen zum Thema Krebs zur Verfügung – telefonisch täglich von 08:00 Uhr bis 20:00 Uhr unter 0800-420 30 40 und per E-Mail unter krebsinformationsdienst@dkfz.de.

Identität Krebspatient

Wissenschaftler um Dr. Volker Arndt im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) haben kürzlich über 6.000 Langzeit-Krebsüberlebende befragt. Etwa ein Drittel der 6.057 Teilnehmenden betrachteten sich auch 5 bis 15 Jahre nach der Diagnose noch als Krebspatienten. Diese Selbstwahrnehmung ist im Zusammenhang mit vielerlei klinischen und psychosozialen Faktoren zu sehen, wie zum Beispiel körperlichen Belastungen durch Spätfolgen, Angst vor einem Rückfall und Beeinträchtigung der Lebensqualität. Die Befragung wurde im Rahmen der CAESAR-Studie an sechs Krebsregistern in Deutschland durchgeführt. Volker Arndt leitet die Arbeitsgruppe „Cancer Survivorship“ am DKFZ. Er ist außerdem Leiter des Epidemiologischen Krebsregisters Baden-Württemberg. „Die Ergebnisse der Befragung zeigen, wie wichtig für Langzeitpatienten die Aspekte individuelle Erfahrung und subjektive Wahrnehmung sind. Beides sollte bei der Entwicklung von neuen Versorgungsmodellen unbedingt Berücksichtigung finden.“

Langzeit-Nachsorge dringend erforderlich

Angesichts der wachsenden Zahl Krebs-Langzeitüberlebender und des Problems der Spätfolgen sehen viele Experten zunehmend die Notwendigkeit eines Konzeptes zur Langzeit-Nachsorge: Krebs-Langzeitüberlebende werden dabei ‒ entsprechend ihrer individuellen Bedürfnisse ‒ von einem interdisziplinär aufgestellten Team umfassend und langfristig betreut. Ziel ist es, den Menschen, die mit und nach Krebs leben, ein weitestgehend gesundes und aktives Leben mit einem möglichst hohen Maß an Lebensqualität zu ermöglichen. Die Realität sieht zurzeit allerdings noch anders aus: Zwar sind erste Modelle zur Rundum-Versorgung ehemaliger Krebspatienten in der Erprobung. Nachsorge-Programme stehen allerdings längst nicht allen Cancer Survivors zur Verfügung. Auch Zuständigkeiten und Finanzierung sind bislang nicht geklärt.

Quelle
*Thong MSY, Wolschon EM, Koch-Gallenkamp L, Waldmann A, Waldeyer-Sauerland M, Pritzkuleit R, Bertram H, Kajüter H, Eberle A, Holleczek B, Zeissig SR, Brenner H, Arndt V (2018). Still a cancer patient. „Still a cancer patient“ – Associations of cancer identity with patient-reported outcomes and health care use among cancer survivors. JNCI Cancer Spectrum, 2(2). doi:10.1093/jncics/pky031

Neuartige Infektionserreger als Krebsrisikofaktoren

Eine frühkindliche Infektion mit einer bisher unbekannten Klasse von Erregern aus Kuhmilch und aus Rindfleisch (genannt BMMF für „Bovine Milk and Meat Factors“) kann das Risiko für Darmkrebs, möglicherweise auch für andere Krebsarten und chronischen Erkrankungen, steigern. Wissenschaftler um Harald zur Hausen haben diese auf epidemiologischen Beobachtungen basierende Hypothese seit nunmehr über zehn Jahren mit Ergebnissen unterfüttert.

Im Darmgewebe konnten die Forscher identifizieren, welche Gewebebereiche die Erreger besiedeln. Basierend auf diesen Befunden haben sie eine Theorie entwickelt, wie die infektiösen Erreger chronische Entzündungen verursachen und damit indirekt die Entstehung von Darmkrebs fördern.

Der Nachweis einer direkten Verbindung zwischen einer Infektion mit den BMMFs und einer bestimmten Erkrankung kann präventive Möglichkeiten eröffnen, etwa Impfungen oder schützende Lebensstil- und Ernährungsformen. Quelle: DKFZ

Wohnungssuche: Vorurteile gegenüber Migranten sind Alltag

Die Bremer Sprachwissenschaftlerin Inke Du Bois hat mit ihren Studentinnen einen Test gemacht, dessen Ergebnisse sie inzwischen in einer vielbeachteten Studie zusammengefasst hat. Mit türkischem Akzent, amerikanischem Akzent und hochdeutscher Aussprache haben die Studierenden in vier Stadtteilen Vermieter um einen Termin für eine Wohnungsbesichtigung gebeten. Das nachdenkenswerte Ergebnis: Vorurteile gegenüber Migranten sind Alltag, auch in Bremen.

„Sprachliche Diskriminierung quer durch Stadtteile: Türkische, US-amerikanische und deutsche Namen und Akzente bei der Suche nach städtischen Wohnungen“ ist der Titel der Studie, die Inke Du Bois in englischer Sprache verfasst hat. Mit 300 Telefonaten reagierten ihre Studentinnen auf Wohnungsgebote in Gröpelingen, Walle, Tenever und Schwachhausen. „Wir haben vorher verbindliche Standards festgelegt und systematisch trainiert“, sagt die Lektorin in der Anglistik. So haben sich die Anruferinnen bei Nachfrage als alleinstehende Krankenschwestern mit demselben Einkommen ausgegeben. Auch die Gesprächsführung war festgelegt. Ebenso die Namen: Die Türkinnen meldeten sich bei Vermietern oder Maklern mit Ayse Gülbeyaz. Die Deutschen als Lena Meyer, die Amerikanerinnen hießen Alice McGraw.

„Riesenspaß“ bei der Forschung

„Meine Studierenden hatten bei dieser Forschungsarbeit einen Riesenspaß, sie haben aktiv wichtige Ergebnisse erbracht und zu einem größeren Projekt beigetragen“ bemerkt die Sprachwissenschaftlerin. Während der Telefonate führten die Anruferinnen Forschungstagebücher. „Selbstverständlich habe ich das Projekt in der Ethikkommission der Universität vorgestellt und die Genehmigung bekommen“, sagt sie. „Bei einem positiven Besichtigungsbescheid haben wir außerdem rechtzeitig abgesagt, um niemanden umsonst warten zu lassen.“

Spannende Frage: Was ist herausgekommen?

Die Studentinnen haben innerhalb einer Stunde zeitlich versetzt mit unterschiedlichen Akzenten Vermieterinnen, Vermieter, Maklerinnen und Makler angerufen. Und siehe da: Auch wenn eine Wohnung für eine Türkin schon vergeben war, erhielt die deutsche Krankenschwester wenig später einen Besichtigungstermin. Die wissenschaftliche Analyse der Testergebnisse zeigte innerstädtische Unterschiede: Im prestigeträchtigen Schwachhausen hatten türkisch akzentuierte Anruferinnen deutlich geringere Chancen auf eine Wohnungsbesichtigung. Nur 23, 5 Prozent von ihnen erhielten einen Termin, während 94,7 Prozent der Deutschen eine Wohnung besichtigen konnten. Generell erhielten die Standard-Deutschen in allen Stadtteilen die meisten Besichtigungstermine. Bis auf Tenever, wo Anruferinnen mit türkischem oder amerikanischem Akzent nur ganz leicht unter den Deutschen lagen, „marginal signifikant“.

Namen aktivieren Vorurteile

„Meine Studie sollte aufdecken, dass viele Menschen unbewusste Vorurteile haben, die allein durch das Hören von Namen und Akzent schnell aktiviert werden“, sagt Inke Du Bois. Sie ist Teil eines Forschungsnetzwerks mit der University of Sheffield, wo ähnliche Untersuchungen gelaufen sind. Gemeinsam mit ihrer dortigen Kollegin Nicole Baumgarten hat die Bremer Sprachwissenschaftlerin einen mit 50.000 Euro dotierten Forschungspreis der British Academy erhalten. „Soziolinguistik“ ist ihr Fachgebiet, in dem sie bereits ihre Doktorarbeit verfasste. Die Forschungsergebnisse aus Bremen und Sheffield werden in diesem Herbst im englischen „Journal of Language and Discrimination“ erscheinen.

Auch freundliche Vermieter

„Ich hoffe, dass sich die Positionen allmählich wandeln und unsere Gesellschaft Migrantinnen und Migranten nicht ausgrenzt“, sagt Dr. Du Bois. „Es gab nämlich auch Vermieterinnen und Makler, die gerade gegenüber den alleinstehenden Türkinnen ausgesprochen nett reagiert haben. Das ist ein gutes Zeichen.“ Quelle: Universität Bremen

Hirnmetastasen bei Brustkrebs – vielversprechende Ergebnisse der Hochpräzisionsbestrahlung

20-25% aller Brustkrebspatientinnen entwickeln Metastasen. Früher kam die Diagnose von Metastasen oft einem Todesurteil gleich, hier ist es jedoch, auch dank der Strahlentherapie, zu einem Paradigmenwechsel gekommen. „Sogar Hirnmetastasen können heute mit einer kurativen Zielsetzung strahlentherapeutisch behandelt“, erklärt Frau Prof. Dr. Anca Grosu, Universitätsklinikum Freiburg. DEGRO-Präsident, Prof. Dr. Wilfried Budach, Düsseldorf, ergänzt. „Durch rasante Fortschritte der Technologie sind hoch präzise Bestrahlungen schnell und komfortabel durchführbar. Verschraubungen mit dem Schädelknochen gehören der Vergangenheit an.

Jährlich erkranken über 71.000 Frauen und ca. 700 Männer an Brustkrebs [1]. Ungefähr 316.000 Frauen leben in Deutschland mit einer Brustkrebserkrankung (Zahlen von 2013). Eine Heilung ist heute in 75-80% der Fälle möglich (in den 60iger Jahren waren es nur 50-60%). Beim Fortschreiten der Erkrankung bilden sich oft Metastasen, typischerweise in Knochen, Lunge und Leber, aber auch Hirnmetastasen sind relativ häufig (insbesondere bei den sogenannten HER2-Rezeptor-positiven Tumoren).

„Wohingegen die Diagnose von Metastasen früher oft einem Todesurteil gleichkam, können heute Patientinnen mit Hirnmetastasierung relativ lange bei guter Lebensqualität überleben, auch eine Heilung kann noch möglich sein, wenn rechtzeitig mit einer adäquaten Therapie begonnen wird“, erklärt Frau Prof. Grosu. Bei Metastasen von HER2-positiven Tumoren spielt die Antikörpertherapie eine wichtige Rolle, eine systemische Chemotherapie dagegen ist bei Hirnmetastasen häufig unwirksam, da die Substanzen nicht ausreichend bis zu den Krebszellen vordringen (Phänomen der „Blut-Hirn-Schranke“). Bei über 2-3 cm großen Hirnmetastasen ist eine Operation zu überlegen, insbesondere, wenn diese günstig für eine Operation liegen, so dass Folgeschäden unwahrscheinlich sind. Bei kleinen oder ungünstig gelegenen Herden ist die Strahlentherapie die Therapie der Wahl.

Die Strahlentherapie verfügt bei Hirnmetastasen über ein breites therapeutisches Spektrum und ermöglicht oft eine maximale Schonung gesunden Hirngewebes. Die Therapie ist nicht-invasiv und daher sicherer für die Patienten als eine Operation. Der Einsatz erfolgt auch in Hirnarealen, die operativ nicht gefahrlos erreicht werden können, zudem ist die Therapie schmerz- und bei kleinen Herden praktisch nebenwirkungsfrei. Moderne Bestrahlungsverfahren sind bei Hirnmetastasen oftmals die effektivste Behandlung.

Abhängig von der Zahl der Hirnmetastasen stehen grundsätzlich zwei Möglichkeiten zur Verfügung: Die sogenannte Radiochirurgie (auch stereotaktische Hochpräzisionsbestrahlung) und die Ganzhirnbestrahlung „mit Hippocampus-Schonung“.

Die Radiochirurgie ermöglicht eine punktgenaue, hochdosierte Bestrahlung einzelner Metastasen. Bei der stereotaktischen Hochpräzisionsbestrahlung wird eine hohe Strahlendosis für eine kurze Behandlungsdauer von ca. 20 Minuten eingesetzt. Eine Studie [2] zeigte die hohe Effektivität der stereotaktischen Radiochirurgie, sogar bei multiplen Hirnmetastasen bei Brustkrebspatientinnen. „Wir erreichen mit der Radiochirurgie eine lokale komplette Tumorkontrollrate von 50-70%, bei maximaler Schonung von gesundem Hirngewebe“, erklärt Frau Prof. Grosu. „Bei neu auftretenden Metastasen kann die Behandlung auch wiederholt werden.“

Während bei einer kleineren Zahl lokalisierter Metastasen (4-5 Stück gilt meistens als Grenze) die alleinige Radiochirurgie durchgeführt wird, so wird bei einer höheren Zahl oder wenn erneut immer wieder Metastasen auftreten, eher die Ganzhirnbestrahlung empfohlen. Auch dabei ist die Zielsetzung immer lokal-kurativ. Derzeit läuft die multizentrischen NOA-14/ARO 2015-3/HIPPORAD-Studie, die von der Deutschen Krebshilfe finanziert wird Es werden Patienten mit vier bis zehn Hirnmetastasen unterschiedlicher solider Tumore mit einer Hippocampus-schonenden Ganzhirnbestrahlung behandelt – mit zusätzlichem Boost (d. h. stereotaktische Dosiserhöhung) auf die Metastasen. Verglichen werden die kognitiven Leistungen und morphologischen Hirnveränderungen der Patienten gegenüber einer Behandlung mit Ganzhirnbestrahlung und Boost, jedoch ohne Hippocampusschonung. „Wir erhoffen uns zwei Effekte“, so Prof. Anca Grosu, „nämlich eine noch höhere Bestrahlungseffektivität auf die Metastasen bei gleichzeitig weniger neurokognitiven Nebenwirkungen“.
„Insgesamt können Brustkrebspatientinnen mit Hirnmetastasen heute in einer früher ausweglosen Situation durch die moderne Strahlentherapie behandelt werden und gewinnen deutlich an Lebenszeit. In seltenen Fällen kann sogar eine Heilung erreicht werden. Durch die optimale Schonung gesunden Hirngewebes ist die Therapie nebenwirkungsarm“, fasst Prof. Dr. med. Wilfried Budach, Düsseldorf, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) zusammen.

Literatur
[1] RKI/Robert-Koch-Institut: https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebsgeschehen/Krebsges…
[2] Cho E, Rubinstein L, Stevenson P et al. The use of stereotactic radiosurgery for brain metastases from breast cancer: who benefits most? Breast Cancer Res Treat 2015; 149(3): 743-9

Brustkrebs in der letzten Lebensphase: effektive Schmerztherapie mit Kurz- od. Einzeitbestrahlung

Bei Brustkrebs-Patientinnen, bei denen alle Möglichkeiten für eine Heilung ausgeschöpft sind, ist es die Aufgabe der Medizin, die Lebensqualität so weit wie möglich zu sichern. In der Palliativmedizin spielt in diesem Zusammenhang die „High-Tech“-Radiotherapie eine große Rolle, „denn sie ermöglicht wie kaum eine andere Therapie bei minimierten Nebenwirkungen eine effektive Behandlung von tumorassoziierten Symptomen. Gerade Schmerzen bei Knochenmetastasierung sprechen oft schon auf eine einmalige Bestrahlung an“, erklärt Prof. Dr. med. Birgitt van Oorschot, Leiterin des Interdisziplinären Zentrums Palliativmedizin, Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie, Universitätsklinikum Würzburg.

Brustkrebs ist die häufigste Krebsform bei Frauen. Dank Fortschritten der modernen Medizin haben die Heilungschancen in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen [1, 2]. Die 5-Jahres-Überlebensrate liegt heute bei ca. 88 %, die 10-Jahres-Überlebensrate bei 82%. Auch bei weiter fortgeschrittenen Fällen oder bei Rückfällen (Rezidiven) wird heute in der Regel versucht, eine Komplettremission zu erzielen, also den Krebs vollständig zurückzudrängen und alle Krebszellen zu zerstören.

Bei Patientinnen, die keine Aussicht auf Heilung haben, kommt der Palliativmedizin eine entscheidende Bedeutung zu, um die Lebensqualität der verbleibenden Zeit so lange wie möglich so gut wie möglich zu halten. Durch Metastasen- oder den Tumor-bedingte Symptome kann die Lebensqualität jedoch erheblich vermindert werden. Metastasen können in verschiedenen Organen auftreten, dazu gehören bei 20% der Patientinnen die Knochen [3, 4], sowie Lunge, Gehirn und Leber. Neben Schmerzen können in Abhängigkeit vom Ort der Metastasen auch Probleme wie Luftnot, Schluckstörungen, Blutstauung, neurologische Symptome wie Lähmungen oder lokale chronische Hautwunden, Entzündungen und Geschwüre (Exulzerationen, z. T. mit Geruchsbildung) auftreten.

Eine an die Situation angepasste Bestrahlung kann solche belastenden Symptome effektiv lindern. „Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit der palliativ-präventiven Bestrahlung zur Sicherung der Lebensqualität – d. h. drohende Komplikationen bzw. zu erwartende Symptome können im Vorfeld verhindert oder abgeschwächt werden“, so Frau Prof. van Oorschot.

Eine Bestrahlung hat – bereits bei niedrigen Strahlendosen – verschiedene Wirkmechanismen [3]. Sie wirkt nicht nur lokal wachstumsbremsend und tumorverkleinernd, sondern auch entzündungshemmend, abschwellend (antiödematös) und antisekretorisch – das alles trägt zur schmerzlindernden Wirkung bei. Auch wenn eine Lebensverlängerung nicht primäres Ziel einer palliativen Bestrahlung ist, so kann es mit der verbesserten Lebensqualität auch zu etwas mehr Lebenszeit kommen.
„Entscheidend ist, dass der Nutzen einer palliativen Radiotherapie eventuelle Nachteile oder Nebenwirkungen überwiegen muss, was individuell auch unterschiedlich wahrgenommen und bewertet wird und daher mit der Patientin besprochen werden sollte“, so Frau Prof. van Oorschot.

Moderne radiologische Techniken helfen dabei, die Nebenwirkungen einer Strahlentherapie zu reduzieren: So ist mit der „stereotaktischen Hochpräzisionsbestrahlung“ (auch Radiochirurgie) eine punktgenaue, hochdosierte Bestrahlung einzelner Metastasen ohne Schädigung umliegenden Gewebes möglich. Vorab erfolgt anhand von Röntgen- und CT-Bildern die exakte dreidimensionale Berechnung des Bestrahlungsfelds („virtuelle Simulation“). Bei erneut auftretenden Metastasen kann die Behandlung wiederholt werden.

Das Verfahren der „Rückenmarkschonung“ (durch exakte Berechnung und Einstellung der Strahlenfelder) kommt bei Knochenmetastasen in der Wirbelsäule zum Einsatz. Bei metastasenbedingter erhöhter Knochenbruchgefahr kann die Strahlentherapie die Knochendichte innerhalb von 3–4 Monaten stabilisieren. Außerdem kann eine Bestrahlung erfolgreich bei Knochenmetastasen zur Schmerzlinderung eingesetzt [5, 6]. In 70% kam es innerhalb eines Monats zur Schmerzreduktion, bei 60% hielt dies auch nach 2 Monaten noch an [6].

Damit die Vorteile der palliativen Bestrahlung überwiegen, müssen nicht nur mögliche direkte Nebenwirkungen minimal gehalten werden, sondern auch die allgemeine Behandlungsbelastung, die durch wiederholte Bestrahlungstermine oder Klinikaufenthalte entstehen kann. Dies ist besonders in der Schmerzbehandlung bei voraussichtlich sehr kurzer Lebenszeit bedeutsam. „In diesen Situationen kann die sogenannte Einzeitbestrahlung mit einer höheren Einmaldosis sinnvoller sein als eine fraktionierte Therapie“, erläutert Frau Prof. van Oorschot.

Die Schmerzlinderung ist bei unkomplizierten Knochenmetastasen mittels Einzeitbestrahlung vergleichbar effektiv und fast so nebenwirkungsarm wie bei Fraktionierung [3, 5, 6, 7, 8]. Das Update der S3-Leitlinien „Strahlentherapie bei Knochenmetastasen“ [5] betont daher die Bedeutung der Einzeitbestrahlung (meist 1 x 8 Gy) und empfiehlt sie für die Schmerzbehandlung bei einer Lebenserwartung von wenigen Wochen oder Monaten. Bei längerer Prognose ist eine fraktionierte Bestrahlung zu favorisieren (z. B. 5 x 4 Gy oder 10 x 3 Gy), besonders wenn der längerfristige Effekt auf die Knochendichte (frühestens nach 3 Monaten) genutzt werden soll. Außerdem kann nach Einzeitbestrahlung eine Re-Bestrahlung im Verlauf erforderlich sein, was aber problemlos möglich ist.

In Deutschland konnte sich die Kurz- oder Einzeitbestrahlung noch nicht durchsetzen. Das liegt an teilweise fehlender Erfahrung, Vorbehalten und Bedenken wegen der Verträglichkeit (erhöhte Nebenwirkungsrate), Notwendigkeit von Re-Bestrahlung und der allgemeinen Behandlungsbelastung am Lebensende (Transporte und Lagerung).
„Wir hoffen, dass künftig die Einzeitbestrahlung mehr geeigneten Patientinnen angeboten wird. Eine große Bedeutung kommt immer der optimalen Zusammenarbeit von Strahlentherapeuten und Palliativmedizinern zu“, ergänzt DEGRO-Pressesprecherin, Professor Stephanie Combs. „Dies betrifft die Einschätzung der individuellen Situation (also Allgemeinzustand, Lebenserwartung), um realistische Therapieziele zu definieren, und die Wahl (gemeinsam mit der Patientin und ggf. den Angehörigen) einer effektiven – bzw. der individuell sinnvollsten Behandlung sowie die Anpassung aller Supportivmaßnahmen im Verlauf.“

Literatur
[1] Krebsregisterdaten Robert Koch Institut https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebsgeschehen/Krebsges…
[2] https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/k…
[3] van Oorschot B, Beckmann G, Schulze W et al. Radiotherapeutic Options for Symptom Control in Breast Cancer. Breast Care 2011; 6(1): 14-19
[4] Coleman RE: Clinical features of metastatic bone disease and risk of skeletal morbidity. Clin Cancer Res 2006; 12: 6243–49
[5] van Oorschot B, Höller U, Ottstadt M et al. Update – Palliative Strahlentherapie von Knochenmetastasen. Onkologe 2018; online 30. Januar https://doi.org/10.1007/s00761-018-0347-6
[6] Dennis K, Wong K, Zhang L et al. Palliative radiotherapy for bone metastases in the last 3 months of life: worthwhile or futile? ClinOncol 2011; 10:709–715
[7] Chow R, Hoskin P, Hollenberg D et al. Efficacy of single fraction conventional radiation therapy for painful uncomplicated bone metastases: a systematic review and meta-analysis. Ann PalliatMed 2017; 6(2): 125–42
[8] Chow R, Hoskin P, Chan S et al. Efficacy of multiple fraction conventional radiation therapy for painful uncomplicated bone metastases: a systematic review. Radiother Oncol 2017; 122(3): 323–31

Kann Sport das Fortschreiten einer Alzheimer-Demenz verlangsamen?

 Sport wirkt günstig auf die kognitive Funktion, das ist bereits seit längerem bekannt. Sport kann auch einer Demenz vorbeugen. Körperliche Inaktivität hingegen ist ein bedeutsamer Risikofaktor für die Alzheimer-Erkrankung. Eine aktuelle Studie im renommierten Journal „Nature Medicine“ deckt einen Mechanismus auf, der erklären könnte, wie regelmäßiger Sport dem kognitiven Abbau bei Alzheimer-Patienten entgegenwirkt.

In Deutschlandweit leiden etwa 1,6 Mio. Menschen an einer Demenz. Bei der Mehrzahl der Betroffenen handelt es sich um eine Demenz in Folge einer Alzheimer-Erkrankung. Der Anteil der Bevölkerung, der im Alter zwischen 56 und 70 Jahren an Alzheimer erkrankt (= Prävalenz), wird mit 1-5% angegeben. Die Prävalenz verdoppelt sich dann mit jedem weiteren 5-Jahresschritt [1], liegt also bei den 70-75-Jährigen bei bis zu 10%, bei den 75-80-Jahrigen bereits bei bis zu 20% usw. Die Demenz ist ein Syndrom, das die Lebensqualität stark beeinträchtigt: Es kommt zu Gedächtnisstörungen und zusätzlich auch zum Abbau anderer Hirnleistungen (z.B. Bewegungsstörungen, Sprachstörungen oder Sinneswahrnehmungsstörungen). Für viele Betroffene ist eine selbstständige Lebensführung nicht mehr möglich.

Als Risikofaktoren der Alzheimer-Erkrankung gelten neben dem Alter Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Fettleibigkeit, erhöhte Blutfettwerte (Hyperlipidämie) und Bewegungsmangel. Aber auch Faktoren wie Depression oder soziale Isolation (Einsamkeit) spielen eine wichtige Rolle [2]. Allein ein Drittel aller Erkrankungsfälle geht auf das Konto dieser beeinflussbaren Faktoren [2, 3]. Eine deutsche Untersuchung aus dem Jahr 2016 [4] zeigte, dass eine mangelnde körperliche Aktivität der bedeutsamste Risikofaktor ist und mit 21% den höchsten Einfluss auf die Alzheimer-Prävalenz hat.

Doch wie kann Sport einer Alzheimer–Erkrankung entgegenwirken und möglicherweise auch die Progression der Demenz verlangsamen? Eine Forschergruppe, die Anfang des Jahres im renommierten Journal „Nature Medicine“ [5] ihre Daten publiziert hat, deckte einen Mechanismus auf, der eine plausible Erklärung bieten könnte: Bei körperlicher Aktivität wird ein bestimmter Botenstoff, Irisin, durch die Spaltung des Transmembranproteins FNDC5 aus dem Muskel freigesetzt und gelangt über den Blutkreislauf in das Gehirn. Die Forschergruppe konnte zeigen, dass Alzheimer-Patienten erniedrigte FNDC5/Irisin-Spiegel im Hippocampus, unserer „Gedächtniszentrale“ im Gehirn, und in der Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) aufweisen. Eine Steigerung der FNDC5/Irisin-Konzentration führte in den tierexperimentellen Arbeiten der Forschungsgruppe zu einer Verbesserung der sogenannten synaptischen Plastizität. Darunter versteht man bestimmte Umbauprozesse, die zu Vernetzung von Hirnarealen und Nervenzellen führen und u.a. wichtig für das Lernen und Erinnern sind. „Noch fehlt der Nachweis durch klinische Studien, aber der FNDC5/Irisin-Spiegel könnte ein physiologischer Link zwischen Muskeln und Gehirn sein“, erklärt Professor Dr. Richard Dodel, Essen. Viele Studien haben bereits gezeigt, dass Sport die Gedächtnisleistung positiv beeinflusst und körperliche Aktivität wird daher zur Alzheimer-Prävention empfohlen. Der dahinterliegende Mechanismus war bislang aber unbekannt.

Dass Sport die kognitive Leistung bei älteren Menschen verbessert, zeigte erneut eine Ende Januar publizierte Interventionsstudie [5] an 18 Menschen ohne kognitive Einschränkung und an 17 Menschen mit milder kognitiver Einschränkung (alle waren im Alter zwischen 61 und 88 Jahren). Die Studienteilnehmer trainierten über zwölf Wochen regelmäßig im aeroben Bereich. Zu Beginn und am Ende der Studie wurden u.a. neuropsychologische Untersuchungen durchgeführt. Das Ergebnis: Der Sport hatte Gedächtnisleistung und Sprachkompetenz verbessert. In einer EU-geförderten Studie wurden bislang ca. 250 zuvor nicht aktive ältere Menschen, die sich im Frühstadium der Erkrankung befanden, für einen Zeitraum von 12 Monaten einem definierten moderaten Bewegungsprogramm unterzogen. Erste Ergebnisse belegen auch hier, dass regelmäßige sportliche Aktivitäten das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen können – aber nicht nur das: innerhalb eines Jahres verbesserten sich auch hier die kognitiven Leistungen der Teilnehmenden. In Deutschland fördert u.a. das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Projekt DENKSPORT, das Teil dieses internationalen Forschungsverbund NEUROEXERCIS ist [7].

„Diese und andere Ergebnisse belegen, dass eine beginnende Demenz durch körperliche Aktivität positiv beeinflusst werden kann“, so Professor Dodel. „Ob die Beeinflussung tatsächlich durch den FNDC5/Irisin-Mechanismus erfolgt oder welche anderen Botenstoffe und Signalwege beteiligt sind, lässt sich derzeit nicht abschließend beurteilen. Die positiven Effekte von Sport auf die kognitive Performanz sind aber insgesamt gut belegt, so dass wir jedem empfehlen, körperlich aktiv zu sein.

Literatur
[1] Werner Hacke (Hrsg.) Neurologie. Springer-Berlag 2016. S. 649 ff.
[2] Livingston G, Sommerlad A, Orgeta V et al. Dementia prevention, intervention, and care. Lancet. 2017 Dec 16;390(10113):2673-2734. doi: 10.1016/S0140-6736(17)31363-6
[3] Norton S, Matthews FE, Barnes DE et al. Potential for primary prevention of Alzheimer’s disease: an analysis of population-based data. Lancet Neurol. 2014 Aug;13(8):788-94. doi: 10.1016/S1474-4422(14)70136-X.
[4] Luck T, Riedel-Heller SG. [Prevention of Alzheimer’s dementia in Germany: A projection of the possible potential of reducing selected risk factors]. [Article in German]. Nervenarzt. 2016 Nov;87(11):1194-1200.
[5] Lourenco MV, Frozza RL, de Freitas GB et al. Exercise-linked FNDC5/irisin rescues synaptic plasticity and memory defects in Alzheimer’s models. Nature Medicine 2019; 25, 165–175.
[6] Alfini AJ, Weiss LR, Nielson K et al. Resting Cerebral Blood Flow After Exercise Training in Mild Cognitive Impairment. Journal of Alzheimer’s Disease 2019; 67 (2): 671-684
[7] Projekt DENKSPORT: https://www.bmbf.de/de/demenz—aktiv-gegen-das-vergessen-5858.html

Besser leben mit erreichbaren Zielen

Wer sich im Leben realistische Ziele setzt, kann später auf ein höheres Wohlbefinden und mehr Zufriedenheit hoffen. Wichtig ist dabei, ob die eigenen Lebensziele als erreichbar wahrgenommen werden und was sie einem bedeuten, wie Psychologinnen und Psychologen der Universität Basel in einer Studie mit über 970 Befragten berichten.

Wohlstand, Gemeinschaft, Gesundheit, sinnvolle Arbeit: Lebensziele gehören zum Ausdruck einer Persönlichkeit, denn sie bestimmen das Verhalten und den Kompass, von dem sich ein Mensch leiten lässt. Erreichte Ziele, so nimmt man ebenso an, können massgeblich dazu beitragen, wie zufrieden man im Leben ist – oder wie unzufrieden, wenn wichtige Ziele nicht erreicht werden konnten.

Die Auswirkungen von Lebenszielen bei Erwachsenen differenziert untersucht hat ein Psychologieteam der Universität Basel im Fachblatt «European Journal of Personality». Die Forschenden verwendeten die Daten von 973 in der Deutschschweiz lebenden Personen zwischen 18 und 92 Jahren; über die Hälfte wurde nach zwei und vier Jahren erneut befragt. Die Probanden hatten die Wichtigkeit und die wahrgenommene Erreichbarkeit von Lebenszielen in zehn Bereichen – Gesundheit, Gemeinschaft, persönliches Wachstum, soziale Beziehungen, Ruhm, Image, Reichtum, Familie, Verantwortung/Fürsorge für kommende Generationen sowie Arbeit – zu bewerten, und zwar anhand einer vierstufigen Skala.

Lebensziele mit Vorhersagekraft

Eines der Resultate: Wenn jemand seine persönlichen Ziele als realisierbar wahrnimmt, ist dies ein Indikator für späteres kognitives und affektives Wohlbefinden. Menschen sind nämlich dann zufrieden, wenn sie ein Gefühl von Kontrolle und Erreichbarkeit erleben. Wie wichtig für sie ursprünglich das jeweilige Ziel war, ist dabei weniger entscheidend.

Lebensziele tragen damit auch eine Art Vorhersagekraft in sich: Wer sich Ziele punkto sozialer Beziehungen oder Gesundheit gesetzt hatte, war später auch zufriedener mit seinen Freundschaften oder mit der eigenen Gesundheit. Dieser Zusammenhang zwischen den Lebenszielen und dem späteren Befinden trat relativ unabhängig vom Alter der Befragten auf.

Jüngere wollen Status, Ältere soziales Engagement

Welche Lebensziele stehen in welchem Alter im Vordergrund? Die Ziele in einer Lebensphase sind von den jeweiligen Entwicklungsaufgaben abhängig: Je jünger die Befragten, desto wichtiger schienen ihnen Ziele wie persönliches Wachstum, Status, Arbeit und gute soziale Beziehungen. Und je älter sie waren, desto bedeutender waren für sie soziales Engagement und Gesundheit.

«Viele unserer Ergebnisse konnten theoretische Annahmen der Entwicklungspsychologie bestätigen», erläutert Erstautorin und Doktorandin Janina Bühler von der Fakultät für Psychologie der Universität Basel. Die Lebensziele werden zwar stark durch das Alter bestimmt. «Wenn es aber darum geht, ob diese Ziele zufrieden machen, so ist das Alter weniger entscheidend», sagt die Psychologin. Erwachsene Menschen, ob alt oder jung, sind in der Lage, die Wichtigkeit und die Erreichbarkeit ihrer Ziele aufeinander abzustimmen. Quelle: Universität Basel