Diabetes Kongress 2016: Körperliche Bewegung kann Diabetes-Erkrankungen verhindern und die Prognose

Derzeit sind 6,7 Millionen Menschen hierzulande an Diabetes erkrankt, über 95 Prozent an Diabetes Typ 2. Jährlich kommen etwa 270.000 Neuerkrankungen hinzu. Übergewicht und Bewegungsmangel sind zwei Hauptursachen. Unsere Gesellschaft wird zunehmend immobiler, wie auch die Ergebnisse einer aktuellen Befragung der Techniker Krankenkasse (TK)* zeigen: So beträgt zum Beispiel der Anteil der Menschen in Berlin, die nie oder nur selten Sport treiben, 53 Prozent. Dabei kann Bewegung Diabetes verhindern, aber auch die Herzkreislauf-Risiken von Menschen mit bestehendem Typ-2-Diabetes senken und ihre Lebenserwartung steigern.

Die Mechanismen und Effekte von Sport als Bestandteil der Diabetestherapie sind ein thematischer Schwerpunkt beim Diabetes Kongress 2016. Die 51. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) findet unter dem Motto „Diabetes interdisziplinär“ vom 4. bis 7. Mai 2016 im CityCube Berlin statt. Zum traditionellen Diabetes-Lauf am 5. Mai 2016 lädt die DDG alle Interessierten ein.

Kinder, Jugendliche und Erwachsene hierzulande bewegen sich zu wenig: Nur 11,5 Prozent** der Jugend ist täglich, wie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen, mindestens 60 Minuten körperlich aktiv. Erwachsenen legt die WHO 2,5 Stunden Bewegung pro Woche ans Herz, was jedoch nur 20 Prozent erreichen.*** Und laut der TK-Befragung wählen viele Großstädter, so auch 40 Prozent der Berliner, zur Fortbewegung lieber Auto, Bus oder Bahn, anstatt mit dem Rad zu fahren oder zu Fuß zu gehen. „Die Menschen verbringen somit einen immer größeren Teil ihres Tages im Sitzen“, bedauert Professor Dr. med. Andreas Hamann, Kongresspräsident des Diabetes Kongresses 2016.

Darauf sei ein Teil der zunehmenden Diabeteserkrankungen zurückzuführen. Dabei kann mehr körperliche Aktivität nicht nur Diabetes verhindern, sondern bei bereits Erkrankten die Stoffwechsellage verbessern, Folgeerkrankungen vorbeugen und die Lebenserwartung steigen. Sport ist in der Diabetologie ein wichtiger Bestandteil der Therapie: „Wir Diabetologen müssen für unsere Patienten dabei zunehmend auch die Rolle als Motivator und Vorbild übernehmen“, sagt Professor Hamann, Chefarzt der Medizinischen Klinik IV (Endokrinologie, Diabetologie und Ernährungsmedizin) der Hochtaunus-Kliniken gGmbH, Bad Homburg. „Unter anderem aus diesem Grund haben wir den Diabetes-Lauf ins Leben gerufen, der jedes Jahr Programmteil des Kongresses ist“.

Der diesjährige Fünf-Kilometer-Diabetes-Lauf findet am Donnerstag, den 5. Mai 2016 um 17.30 Uhr statt. Anmelden können sich nicht nur die am Kongress teilnehmenden Wissenschaftler, Ärzte und Diabetesberater, sondern alle Interessierten, die gerne laufen oder walken. Mit der Teilnahmegebühr (mindestens 10 Euro) unterstützen die Starter die Ferienfreizeiten für Kinder mit Typ-1-Diabetes von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe und das Projekt „Diabetesprävention in Bayern“ (DiaPräB) der Deutschen Diabetes Stiftung (DDS). Lauf-Legende Dieter Baumann, der mit Gold und Silber bei Olympischen Spielen sowie vielen weiteren nationalen und internationalen Titeln erfolgreichste Langstreckenläufer Deutschlands, leitet ab 17.00 Uhr ein Warm-Up, gibt Motivations-Tipps zum Durchhalten und läuft selbst mit. Die Strecke führt vom CityCube Berlin durch den Sommergarten unter dem Funkturm und zurück. Umkleidemöglichkeiten sind vor Ort vorhanden. Interessierte können sich für Lauf oder Walk hier anmelden: http://my4.raceresult.com/47537/registration Auch eine Nachmeldung vor Ort im CityCube ist möglich.

Alle Informationen zum Diabetes Kongress 2016 und zum Diabetes-Lauf sind im Internet unter http://www.diabeteskongress.de zu finden. Kurzfilme mit Interviews und Beiträgen zum Diabetes Kongress 2016 finden Interessierte in der Mediathek.

Quellen:
*Studie „Beweg‘ dich, Deutschland!“ der Techniker Krankenkasse
**Manz K, Schlack R, Poethko-Müller C, Mensink G, Finger J, Lampert T, KiGGS Study Group: Körperlich-sportliche Aktivität und Nutzung elektronischer Medien im Kindes- und Jugendalter. Bundesgesundheitsbl 2014; 57: 840–848
***Krug S, Jordan S, Mensink GBM, Müters S, Finger JD, Lampert T: Körperliche Aktivität – Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsbl 2013; 56: 765–771

Therapeutenausbildung im Nordirak zur Behandlung traumatisierter Flüchtlinge

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer: Bekämpfung von Fluchtursachen erfordert psychologische Betreuung vor Ort

Professor Jan Ilhan Kizilhan: Erfahrungen aus Flüchtlingscamps lassen dauerhaften Bedarf erwarten

Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg unterstützt die Ausbildung von Therapeutinnen und Therapeuten in der baden-württembergischen Partnerprovinz Dohuk im Nordirak. Wissenschaftliche Partner sind die Duale Hochschule Baden-Württemberg und die Universität Tübingen. An der Universität Dohuk soll hierzu ein leistungsfähiges Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie aufgebaut werden.

Initiiert wurde das Projekt von Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan von der DHBW Villingen-Schwenningen. Ziel ist die Behandlung traumatisierter Flüchtlinge in Kliniken, Betreuungseinrichtungen und in den Flüchtlingscamps vor Ort. Es handelt sich hierbei um ein unmittelbares Folgeprojekt des baden-württembergischen Sonderkontingents der Landesregierung für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak.

„Der sogenannte Islamische Staat hinterlässt eine Spur der Verwüstung“, erläutert Ministerin Theresia Bauer ihre Entscheidung. „Tausende Frauen wurden vergewaltigt, Kinder versklavt, Männer hingerichtet. Wenn wir über die die Bekämpfung von Fluchtursachen sprechen, dann gehört dazu eine psychologische Betreuung der zum Teil schwer traumatisierten Menschen vor Ort.“

Prof. Jan Ilhan Kizilhan berichtete von seinen persönlichen Erfahrungen vor Ort: „Es gibt bislang keinerlei Strukturen, die eine dauerhafte Behandlung gewährleisten würden. Hier ist echte Aufbauarbeit gefragt.“

Prof. Kizilhan war im Auftrag der Landesregierung im Zusammenhang mit dem Sonderkontingent besonders schutzbedürftiger Frauen und Kinder aus dem Nordirak tätig. Er erhielt dafür im Rahmen des diesjährigen Geneva Summit for Human Rights and Democracy am 23. Februar 2016 den Geneva Summit 2016 Women’s Rights Award. Vorgeschlagen wurde er für die Auszeichnung von US-Senatoren.

In Folge dieses Engagements entwickelte er gemeinsam mit Prof. Dr. Martin Hautzinger von der Universität Tübingen ein Konzept zur Ausbildung von Therapeutinnen und Therapeuten an der Universität Dohuk, an dem sich auch das Kurdistan Regional Government Ministry of Health in Dohuk beteiligen möchte.

Baden-Württemberg legt den Grundstein – Weitere Unterstützer gesucht

Das Wissenschaftsministerium finanziert den Grundbaustein von rund einer Million Euro. Damit kann die Gründung und der Aufbau eines Instituts an der Universität Dohuk sichergestellt werden.

Regelmäßige Lehrveranstaltungen in Baden-Württemberg und Dohuk im Sinne eines wechselseitigen Austauschs sind elementarer Bestandteil der Konstruktion. Darüber hinaus soll ein E-Learning-Modul entwickelt werden. Die Praxisanteile sollen in Flüchtlingscamps, Kliniken und Betreuungseinrichtungen vor Ort absolviert werden.

Um Stipendien für zunächst 30 Auszubildende über einen Zeitraum von drei Jahren sicherzustellen, ist die Initiative auf weitere Mittelgeber angewiesen.

„Mit der Unterstützung durch das Wissenschaftsministerium möchten wir ein Signal an weitere Mittelgeber senden, sich für das Projekt zu engagieren“, sagt Bauer.

Ziel sei es, im Sommer dieses Jahres mit dem Projekt zu starten, um im Frühjahr 2017 mit der Ausbildung beginnen zu können. Ein Teil der angehenden Therapeutinnen und Therapeuten soll darüber hinaus eine Zusatzqualifikation erhalten, um dann im Sinne eines „Train-The-Trainer“-Konzepts künftig in der Lage zu sein, selbst auszubilden.

Bewegung statt Schonung: Wie Sport dabei hilft, Krebs zu bekämpfen

Während fast jeder weiß, dass Sport sich positiv auf Herz und Kreislauf auswirkt, ist bisher kaum bekannt, dass er der Entstehung von Krebs entgegenwirkt und sogar das Befinden von krebskranken Patienten während einer Strahlentherapie verbessert. Aktuelle Studienergebnisse zur Rolle körperlicher Aktivität bei der Therapie von Krebserkrankungen stellen Experten auf der Pressekonferenz am 11. April 2016 zum Thema „Ist Sport die beste Medizin? Bewegung gegen unsere Volkskrankheiten“ auf dem 122. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM) in Mannheim vor.

„In Europa lassen sich rund 15 Prozent aller Krebserkrankungen auf mangelnde Bewegung zurückführen“, sagt Professor Dr. rer. nat. Karen Steindorf, Leiterin der Abteilung „Bewegung, Präventionsforschung und Krebs“ am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Damit sei der Krebsschutz durch Sport sogar größer als der durch den Verzicht auf Alkohol. Eine Reihe von Studien hat in den letzten Jahren gezeigt, dass Sport das Risiko für so unterschiedliche Krebsarten wie Brust- und Darmkrebs, Lungen-, Bauchspeicheldrüsen- und Prostatakrebs deutlich senken kann. „Die mögliche relative Risikoreduktion liegt dabei je nach Krebsart zwischen 20 und 40 Prozent“, sagt Steindorf. Der World Cancer Research Fund (WCRF) empfiehlt daher, täglich mindestens 30 Minuten moderat körperlich aktiv zu sein. Wer kann, sollte sich auf 60 Minuten moderate oder 30 Minuten anstrengend körperliche Aktivität täglich steigern. Dabei muss es nicht immer der gezielte Sport im Verein oder im Fitnessstudio sein – in den Alltag integrierte Aktivitäten wie etwa das Radfahren zur Arbeit oder das Treppensteigen zählen ebenso.

Über die vorbeugende Wirkung hinaus hat Sport auch dann noch eine wichtige Funktion, wenn Krebs bereits diagnostiziert wurde. „Die Bedeutung von Sport als begleitende Therapiemaßnahme während und nach einer Krebserkrankung wird immer deutlicher“, sagt Steindorf. Systematisches körperliches Training könne therapie- und krankheitsbedingte Beschwerden lindern und so die Lebensqualität der Patienten verbessern. In zwei Studien, die Steindorf auf dem 122. Internistenkongress vorstellen wird, konnte ihre Arbeitsgruppe zeigen, dass ein 12-wöchiges Krafttraining die krebsbedingte Fatigue – eine chronische Erschöpfung – bei Brustkrebspatientinnen stark verringern kann. „Das Training fand parallel zur Chemo- oder Strahlentherapie statt – also in einer Phase, in der den Patientinnen vor wenigen Jahren noch zu maximaler Schonung geraten wurde“, sagt Steindorf. Weitere Studien deuteten darauf hin, dass ein körperlich aktiver Lebensstil sowohl die Überlebenszeit von Krebspatienten positiv beeinflusst, als auch das Risiko eines Rezidivs.

Diese Erkenntnisse werden nach und nach auch in die Praxis übertragen: Analog zu Herz- oder Lungensportgruppen werden zunehmend auch spezifische Sportangebote für onkologische Patienten entwickelt. „Die positiven Effekte der körperlichen Bewegung beschränken sich dabei nicht allein auf die physische Gesundheit“, betont Professor Dr. med. Gerd Hasenfuß, Vorsitzender der DGIM und Präsident des 122. Internistenkongresses. Die Patienten – wie Gesunde übrigens auch – profitierten auch im Hinblick auf die Lebensqualität auf kognitiver und sozialer Ebene. Gerade bei älteren Menschen sei der positive Einfluss eines körperlich aktiven Lebensstils auf den Erhalt der Selbstständigkeit und der Mobilität vielfach nachgewiesen.

Kuschelhormon wirkt schmerzlindernd

Max-Planck-Forscher entdecken eine neue Wirkung von Oxytocin

Manchmal reichen kleine Moleküle aus, um unsere Stimmung oder auch den Stoffwechsel zu verändern: eines wie Oxytocin, das an der Entstehung von Gefühlen wie Vertrauen und Liebe beteiligt ist. Das Hormon wird ausschließlich im Gehirn gebildet und unter anderem über die Hirnanhangsdrüse ins Blut abgegeben. Bislang war unbekannt, warum diese Oxytocin-produzierenden Nervenzellen mit dem Hirnstamm und dem Rückenmark verknüpft sind. Forscher des Max-Planck-Instituts für medizinische Forschung in Heidelberg haben nun eine kleine Population an Nervenzellen entdeckt, die die Ausschüttung von Oxytocin ins Blut koordiniert und auch Zellen im Rückenmark anregt. Eine Reizung dieser Zellen erhöht den Oxytocinspiegel im Körper und hat eine schmerzlindernde Wirkung.

Schnelle Geburt: Die Bezeichnung des Hormons im Griechischen weist bereits auf eine wichtige Aufgabe hin: Bei der Geburt löst Oxytocin eine Kontraktion der Gebärmuttermuskulatur aus und leitet die Wehen ein. Außerdem ist es wichtig für eine starke Bindung zwischen Mutter und Kind sowie den Milcheinschuss der Mutter. Es reguliert zudem soziale Interaktionen im Allgemeinen. Es wird deswegen oft als Kuschelhormon bezeichnet

Das Hormon wird ausschließlich im Hypothalamus produziert. Oxytocin-bildende Nervenzellen werden in zwei unterschiedlich große Zelltypen unterteilt: Die großen Oxytocin-produzierenden Nervenzellen sind mit der Hirnanhangsdrüse verbunden, die Oxytocin über Kapillaren ins Blut abgibt. Die kleinen sind mit dem Hirnstamm und den tiefen Regionen des Rückenmarks verknüpft. Die Funktion dieser Verbindungen war bisher unklar. Es wurde vermutet, dass sie wichtig für die Kontrolle des Herz-Kreislauf-Systems oder auch der Atmung sein könnte.

Kleine Zellen, große Wirkung

Forscher des Max-Planck-Instituts für medizinische Forschung und ihre Kollegen aus anderen Ländern haben nun eine schmerzstillende Wirkung von Oxytocin entdeckt und festgestellt, dass die Freisetzung nicht nur über das Blut, sondern auch über das Rückenmark reguliert wird. „Wir konnten einen neuen Aspekt der Wirkung von Oxytocin nachweisen und haben zudem eine neue Subpopulation an kleinen Oxytocin-produzierenden Neuronen entdeckt“, erklärt der Direktor Peter Seeburg. „Eine Gruppe des kleinen Zelltyps von etwa 30 Zellen sendet seine Nervenenden zu den großen Neuronen, wodurch Oxytocin über die Hirnanhangsdrüse ins Blut abgegeben als auch zum Rückenmark, wo Oxytocin als Neurotransmitter dient, um Nervenzellen zu hemmen.“ Diese Population koordiniert somit die Oxytocin-Freigabe. „Es ist faszinierend, dass die Koordination der Oxytocin-Wirkung von so wenigen Zellen abhängt“, so Seeburg.

Mit dem Griff in die optogenetische Werkzeugkiste konnten die Wissenschaftler die Population der kleinen Zellen im lebenden Versuchstier gezielt mit Licht stimulieren und dazu bringen, über beide Wege mehr Oxytocin auszuschütten. Ratten, die anschließend einen erhöhten Oxytocin Spiegel im Blut hatten, reagierten weniger stark auf die Berührung eines entzündeten Fußes. Das deutete auf eine geringere Schmerzempfindung hin. Eine Hemmung der Oxytocinwirkung erhöhte dagegen das Schmerzempfinden.

Die Forscher gehen davon aus, dass es die Untergruppe Oxytocin-produzierender Zellen auch im menschlichen Gehirn gibt. „Vermutlich ist das menschliche Oxytocin-System jedoch komplexer und besteht aus mehr als 30 Zellen“, erklärt Seeburg. Die Funktion dieser Zellen lässt sich im Menschen zudem nur schwer untersuchen. Trotzdem könnten die Erkenntnisse ein neuer Ansatz für die Entwicklung von Schmerztherapien sein.

Originalpublikation:
Marina Eliava , Meggane Melchior , H. Sophie Knobloch-Bollmann, Jérôme Wahis, Miriam da Silva Gouveia, Yan Tang , Alexandru Cristian, Ciobanu , Rodrigo Triana del Rio, Lena C. Roth , Ferdinand Althammer,Virginie Chavant , Yannick Goumon , Tim Gruber, Nathalie Petit-Demoulière, Marta Busnelli, Bice Chini , Linette L. Tan, Mariela Mitre, Robert C. Froemke, Moses V. Chao, Günter Giese , Rolf Sprengel , Rohini Kuner , Pierrick Poisbeau , Peter H. Seeburg , Ron Stoop , Alexandre Charlet and Valery Grinevich
A new population of parvocellular oxytocin neurons controlling magnocellular neuron activity and inflammatory pain processing
Neuron, 4 März 2016 (DOI: 10.1016/j.neuron.2016.01.041)

Fettleber: Bewegung hilft – selbst wenn`s mit dem Abnehmen nicht klappt

Regelmäßige körperliche Aktivität senkt das Risiko für Nicht-alkoholische Fettlebererkrankungen – selbst dann, wenn die Kilos auf der Waage nicht fallen. Darauf weisen Experten in der neuen Leitlinie „Nicht-alkoholische Fettlebererkrankungen“ hin, die unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) entstanden ist.

 Die Nicht-alkoholische Fettleber ist die am weitesten verbreitete Lebererkrankung in Deutschland, sie betrifft etwa 30 Prozent der Bevölkerung. Neben einem erhöhten Lebensalter machen Mediziner vor allem einen ungesunden Lebensstil für die Entstehung der Krankheit verantwortlich: „Übergewicht und Adipositas sind die wichtigsten Risikofaktoren, wobei das Fett in der Bauchregion besonders gefährlich ist“, erklärt Professor Dr. med. Elke Roeb vom Universitätsklinikums Gießen und Marburg.

Studien zufolge kann eine Gewichtsabnahme um vier bis 14 Prozent den Leberfettgehalt um 35 bis 81 Prozent senken, heißt es in der Leitlinie, die aktuell in der „Zeitschrift für Gastroenterologie“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart) erschienen ist. „Die Gewichtsreduktion ist ein wichtiges Ziel“, so Roeb. Gemeinsam mit ihren Kollegen Professor Dr. med. Jörg Bojunga aus Frankfurt und Herrn Professor Dr. med Hans-Michael Steffen aus Köln war die Gastroenterologin als Koordinatorin maßgeblich an der Erstellung der Leitlinie beteiligt.

Gelingt es trotz aller Anstrengung nicht abzunehmen, sollten Patienten auf jeden Fall in Bewegung bleiben. „Das lohnt sich“, ist die DGVS-Expertin überzeugt. Körperliche Aktivität führe nachweislich auch ohne Reduktion des Körpergewichts zu einer Besserung der Fettleber. In einer Studie konnten Probanden mit acht Wochen Training auf dem Fahrradergometer ihren Fettgehalt in der Leber um 13 Prozent reduzieren. „Am besten ist es, die Bewegung in den Alltag zu integrieren, also Stufen laufen statt Rolltreppe, Radfahren statt Autofahren“, empfiehlt Roeb. Optimal sei es, pro Woche mindestens zweieinhalb Stunden Sport zu treiben.

Die nicht-alkoholische Verfettung der Leber ist in etwa 20 Prozent Ursache für unheilbare Leberzirrhosen und ein zunehmend häufiger Grund für Lebertransplantationen. Zudem geht die Erkrankung mit einem deutlich erhöhten Risiko für Herzkreislauferkrankung einher und viele Patienten leiden auch unter einer Insulinresistenz beziehungsweise einem Typ-2-Diabetes. Obwohl die Fettleber meist Ältere betrifft, erkranken auch junge Menschen immer häufiger. Schätzungen zufolge hat etwa eines von zehn Kindern eine Fettleber. Etwa 4000 Kinder und Jugendliche in Deutschland seien von einer aggressiv fortschreitenden Verlaufsform bedroht, berichten die Wissenschaftler in der Leitlinie. „Die Entwicklung ist erschreckend“, meint Roeb. „Und sie zeigt, wie wichtig wir nicht nur die Behandlung, sondern vor allem auch die Prävention von Übergewicht und Fettleibigkeit nehmen müssen.“ Quelle: Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie

 

Literatur:
S2k-Leitlinie nicht alkoholische Fettlebererkrankungen
Roeb E et al. ; Zeitschrift für Gastroenterologie 2015; 53: 668–723

Die Leitlinien der DGVS im Internet: http://www.dgvs.de/leitlinien/leitlinien-der-dgvs/

Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) wurde 1913 als wissenschaftliche Fachgesellschaft zur Erforschung der Verdauungsorgane gegründet. Heute vereint sie mehr als 5.000 Ärzte und Wissenschaftler aus der Gastroenterologie unter einem Dach. Die DGVS fördert sehr erfolgreich wissenschaftliche Projekte und Studien, veranstaltet Kongresse und Fortbildungen und unterstützt aktiv den wissenschaftlichen Nachwuchs. Ein besonderes Anliegen ist der DGVS die Entwicklung von Standards und Behandlungsleitlinien für die Diagnostik und Therapie von Erkrankungen der Verdauungsorgane – zum Wohle des Patienten.

Forscher analysieren Arzt-Patient-Gespräche

Linguisten, Neurologen und Informatiker diskutierten bei Tagung im Zentrum für interdisziplinäre Forschung

Bei einer Tagung am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld (vom 26. bis 28. November) stand die Analyse von Arzt-Patienten-Gesprächen im Mittelpunkt. Forschungen haben ergeben, dass die linguistische Analyse von Patientenäußerungen für die Diagnose genutzt werden kann. Ein öffentlicher Vortrag von Professor Dr. Markus Reuber (Universität Sheffield, Großbritannien) mit dem Thema „Demenz oder Vergesslichkeit – Gesprächsanalyse als diagnostische Methode“ bildete den Abschluss des ersten Konferenztages.

Das Gespräch zwischen Arzt und Patient ist essentiell, damit Mediziner herausfinden, was den Patienten fehlt. Wo die Apparatemedizin versagt, können linguistische Analysen helfen, die richtige Diagnose zu finden oder wenigstens Krankheiten auszuschließen. In der Differentialdiagnose muss der Arzt erkennen, welche von mehreren möglichen Ursachen das Leiden beim Patienten auslöst. Anfallspatienten beschreiben im Gespräch mit dem Arzt ihre Anfälle, damit er erkennt: Hat der Anfall eine organische Ursache oder ist er beispielsweise das Ergebnis eines Traumas?

Forschende aus verschiedenen Fachbereichen haben dafür verglichen, wie Patienten ihre Anfälle beschreiben. Solch qualitative Analysen konzentrieren sich auf sprachlich-interaktionale Merkmale von Arzt-Patienten-Gesprächen. Dieses wurde zunächst in Bielefeld in Zusammenarbeit zwischen dem Epilepsiezentrum Mara und dem Lehrstuhl für Sprache und Kommunikation entwickelt. Das Universitätsklinikum Sheffield hat die Methode aufgegriffen und in klinischen Studien überprüft. Die Forschungen in Bielefeld werden mit einem neuen Schwerpunkt fortgeführt, nämlich der Anfallsdiagnostik bei Kindern und Jugendlichen. Inzwischen wird diese Methode nicht nur bei Epilepsie, sondern auch auf Demenz, Bewegungsstörungen, Panikattacken oder Kopfschmerzen angewendet.

Die Arbeitsgruppe wird die aktuellen Herausforderungen der gesprächsanalytischen Differentialdiagnose diskutieren. Daran beteiligen sich klinische Neurologen, Psychologen, Psychosomatiker, Gesprächsanalytiker, Computerlinguisten und Informatiker. Inzwischen hat die Informatik Instrumente entwickelt, die die Analyse teilweise automatisieren können. Ziel ist es, an einem standardisierten Verfahren zu arbeiten, das sämtliche Arbeitsschritte der Diagnostik umfasst. Dem interdisziplinären Gespräch mit der Informatik und der Computerlinguistik kommt daher auf der Tagung eine besondere Rolle zu.

Oxytocin beflügelt die Spendenneigung für humanitäre Projekte

Nachhaltigkeit wird heutzutage groß geschrieben. Wie viel Menschen dafür vom eigenen Geld abzugeben bereit sind, hängt vom Oxytocin-Spiegel ab. Die Spendenneigung steigt mit der Menge dieses Bindungshormons, haben Wissenschaftler des Bonner Universitätsklinikums herausgefunden. Allerdings entfaltet das Oxytocin nur seine Wirkung, wenn es um soziale Nachhaltigkeitsprojekte geht. Handelt es sich um rein ökologisch ausgerichtete Vorhaben, steigert das Hormon die Fähigkeit zum Teilen nicht. Die Wissenschaftler berichten nun in „The Journal of Neuroscience“ über ihre Ergebnisse.

Das „Kuschelhormon“ Oxytocin sorgt für die Stärkung sozialer Bindungen: Bei frisch Verliebten, beim Sex und beim Stillen ist der Spiegel dieses Hormons besonders hoch. „Frühere Studien haben Hinweise dafür gefunden, dass der Botenstoff auch Großzügigkeit fördert“, sagt Prof. Dr. Dr. med. René Hurlemann, Direktor der Abteilung für Medizinische Psychologie an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Erhöht Oxytocin auch die Spendenbereitschaft für nachhaltige Projekte? Dieser Frage ging ein Forscherteam des Universitätsklinikums Bonn unter Federführung der Medizinischen Psychologie auf den Grund.

Die Wissenschaftler führten mit insgesamt 172 Teilnehmern Experimente durch. Jeder Proband erhielt zehn Euro und konnte sich entscheiden, ob er die Summe selbst behalten, alles oder nur einen Teil spenden wollte. Zwei reale Spendenprojekte standen dafür zur Auswahl: Ein ökologisches zur Regenwaldaufforstung im Kongo und ein soziales Vorhaben, mit dem die Lebensgrundlagen von Ureinwohnern im Kongogebiet verbessert werden sollten. Anhand von Speichelproben testeten die Forscher während des Versuchs den Oxytocinspiegel der Teilnehmer.

Oxytocin scheint wirkungslos für ökologische Vorhaben zu sein

„Da Projekte zur ökologischen Nachhaltigkeit auch immer eine soziale Dimension haben, vermuteten wir, dass Oxytocin generell die Spendenneigung für solche Vorhaben steigert“, berichtet Erstautorin Nina Marsh aus dem Team von Prof. Hurlemann. Probanden, bei denen während des Experiments die Hirnanhangdrüse viel Oxytocin ausschüttete, spendeten erwartungsgemäß viel großzügiger für soziale Projekte als diejenigen mit geringen Hormonspiegeln. Überraschend war jedoch, dass dieser Effekt für ökologische Projekte ausblieb. Ob viel oder wenig körpereigenes Oxytocin änderte hier am Spendenverhalten so gut wie nichts.

In einem zweiten Experiment verabreichten die Forscher einem Teil der Testpersonen über ein Nasenspray das Bindungshormon, zur Kontrolle bekam der andere Teil ein Placebo. „Das Muster wiederholte sich: Die Oxytocin-Gruppe spendete mit im Schnitt 4,50 Euro mehr als doppelt so viel für soziale Projekte als die unbehandelten Teilnehmer“, sagt Marsh. Bei den ökologischen Vorhaben ging die Spendenbereitschaft durch Oxytocin sogar zurück. Während die Placebo-Probanden von den zehn Euro durchschnittlich immerhin 4,42 Euro abgaben, knauserten die Oxytocin-Behandelten mit nur 2,42 Euro.

Anschließend wurden den Teilnehmern in einem Katalog verschiedene Nahrungsmittel und Kleidungsstücke präsentiert. Sie konnten sich entweder für eine konventionell produzierte Version entscheiden oder die nachhaltige Variante wählen und für diese einen Preis angeben, den sie zu zahlen bereit wären. Der eine Katalog war mit Produkten aus sozialer Produktion versehen, bei denen auf gute Arbeitsbedingungen geachtet wurde. Der andere zielte auf ökologisch erzeugte Güter ab, bei denen etwa auf die Erhaltung der Artenvielfalt Wert gelegt wurde. Die Probanden bekamen aber jeweils nur einen der beiden Kataloge zu sehen. Die mit Oxytocin behandelte Gruppe wählte mehr sozial nachhaltig erzeugte Produkte aus als die Placebo-Teilnehmer. Sie war sogar bereit, dafür doppelt so viel Geld zu zahlen als für konventionelle Erzeugnisse. In der Gruppe mit dem ökologisch ausgerichteten Katalog war praktisch kein Oxytocin-Einfluss zu verzeichnen.

Hormon verschiebt die Prioritäten der Probanden

„Die Ergebnisse zeigen, dass die Probanden grundsätzlich auch etwas für rein ökologische Nachhaltigkeitsprojekte übrighaben, da sie hierfür im Schnitt fast die Hälfte ihres Geldes spendeten“, sagt Nina Marsh. „Aber unter Oxytocin-Einfluss kommt es zu einer Verschiebung der Prioritäten zugunsten sozialer Uneigennützigkeit.“ Prof. Hurlemanns Fazit: „Wenn für ökologische Projekte Unterstützung benötigt wird, sollte die soziale Botschaft des Vorhabens in den Vordergrund gestellt werden, um auch diejenigen Menschen zu erreichen, die erhöhte Oxytocin-Spiegel aufweisen.“ Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Publikation: The Neuropeptide Oxytocin Induces a Social Altruism Bias, “The Journal of Neuroscience“, DOI: 10.1523/JNEUROSCI.3199-15.2015

Wechselwirkungen von Medikamenten und Lebensmitteln

„Johanniskraut und Grapefruit können richtig giftig sein“

Viel hilft viel, denkt so mancher während der kalten Jahreszeit. Und kompensiert mangelnde Sonnenstunden und Bewegung mit Vitamin-Tabletten oder einer Extraportion Obst und Gemüse. Klingt gesund – kann sich aber ins Gegenteil verkehren, falls gleichzeitig Medikamente eingenommen werden. Denn die Ernährung kann die Wirkung von Arzneimitteln stark verändern, warnt Prof. Dr. Martin Wehling vom Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Die Folgen können erheblich, wenn nicht sogar tödlich sein.

Altersmediziner wissen es schon lange: Nehmen betagte Patienten zu viele Medikamente gleichzeitig ein, steigt durch diese Polymedikation (auch Multimedikation oder Polypharmazie genannt) die Wahrscheinlichkeit von unerwünschten Wechsel- und Nebenwirkungen. Aber auch als gesund geltende Lebens- und Nahrungsergänzungsmittel können die Wirkung von Arzneimitteln verändern – und das ganz unabhängig vom Alter der Person.

„Es gibt nicht ohne Grund immer den Hinweis in Beipackzetteln, ob ein Medikament vor, beim oder nach dem Essen eingenommen werden soll“, sagt Prof. Dr. Martin Wehling. „Das muss beachtet werden, sonst kommt vom Wirkstoff im Blut entweder zu wenig oder zu viel an. So muss beispielsweise das Schilddrüsenhormon L-Thyroxin eine halbe Stunde vorher eingenommen werden, sonst interagiert es mit dem Essen und wird nicht richtig freigesetzt.“

Hierbei geht es Prof. Dr. Wehling weniger um Nahrungsergänzungsmittel oder Immunpräparate – „die sind oft komplett wirkungslos“ –, sondern um natürliche, unveränderte Lebensmittel. „Das Problem ist, dass die Leute glauben: Alles Pflanzliche ist gut, alles Chemische ist schlecht“, bringt es der Pharmakologe auf den Punkt. „Dabei kann auch Pflanzliches wie Johanniskraut und Grapefruit richtig giftig sein.“

Eine Warnung, die überrascht. Gilt doch Johanniskraut als Hausmittel mit stimmungsaufhellendem, stabilisierendem und angstlösendem Effekt. „Je nach Menge verursacht Johanniskraut drastische Wechselwirkungen“, sagt Prof. Dr. Wehling. Die Wirksamkeit von Statinen sei herabgesetzt, die Wahrscheinlichkeit für eine Digoxinvergiftung steige, ebenso das Risiko für eine Herz- oder Nierenabstoßung nach einer Transplantation. Außerdem gelte: „Vor einer Operation sollte Johanniskraut mindestens für fünf Tage abgesetzt werden, sonst kann es zu verstärkten Blutungen kommen.“

Ähnlich vernichtend auch das Urteil zur Grapefruit. „Sie ist ein Beispiel dafür, dass ein Nahrungsmittel keinen Ergänzungsstoff braucht, um richtig giftig zu werden“, stellt der Mannheimer Universitätsprofessor klar. Demnach führt der Stoff, der die Frucht bitter macht, zu massiven Interaktionen bei der Aufnahme von Arzneimitteln: Neben der Bioverfügbarkeit verändert sich die Wirksamkeit von Immunsuppressiva, Statinen und Kalziumantagonisten, was besonders für Herz- und Krebspatienten schwerwiegende Folgen haben kann. Prof. Dr. Wehlings Rat lautet daher knapp: „Esst keine Grapefruit wenn Ihr Arzneimittel einnehmt. Der Nutzen ist zu gering, die Gefahren sind zu groß. Schmecken tut sie (mir) sowieso nicht.“

Als fast genauso überflüssig stuft Prof. Dr. Wehling die Einnahme von Ginkgo-Präparaten ein. Diese erfreuen sich aufgrund ihrer angeblich positiven Wirkung bei Gedächtnis-, Konzentrations- und Durchblutungsstörungen sowie bei Schwindel, Ohrensausen und Kopfschmerzen großer Beliebtheit – was der Experte deutlich anders sieht: „Es ist ein völlig überflüssiges Mittel mit nur einer bekannten Wirkung, nämlich dass es Blutungen auslösen beziehungsweise die Wirkung von blutverdünnenden Arzneien verstärken kann.“

Auch für Naschkatzen und Koffein-Junkies hat Prof. Dr. Wehling schlechte Nachrichten: Wer eine Tüte Lakritz am Tag isst, riskiert Bluthochdruck. Dies wird verursacht durchs Glycyrrhizin, das in der Wurzel der Süßholzpflanze vorkommt. Koffein wiederum kann bei Personen, die an einer Herzmuskel- oder Herzkranzgefäßerkrankung leiden, ganz erhebliche Herzrhythmusstörungen auslösen. Noch gravierender sei das dem Experten zufolge bei Energydrinks. „Das Zeug ist wirklich giftig, weil es extreme Mengen an Koffein und anderen Stoffen enthält“, sagt er. „Es sind Fälle beschrieben, bei denen Jugendliche – die eigentlich keine Herzprobleme haben – einen Liter getrunken haben und gestorben sind.“

Für Prof. Dr. Martin Wehling ist das Problem auf einen Punkt zurück zu führen: „Koffein ist von seinen ganzen Charakteristika ein hochwirksames Medikament. Nur weil es in der Nahrung natürlich vorkommt, wird es nicht als solches untersucht und mit entsprechenden Gefahrenhinweisen versehen.“

Doch Koffein hat auch einen positiven, überraschenden Effekt speziell für alte Menschen. „Wenn man Patienten mit prädementiellem Syndrom, die an Schlaflosigkeit leiden, abends Kaffee gibt, dann werden sie ruhiger. Das sorgt für eine sogenannte paradoxe Schlafförderung. Abhängig von der individuellen Konstitution kann Koffein also ganz unterschiedliche Wirkungen haben.“

Erste Resistenzen gegen eine neue Generation von Tuberkulose-Medikamenten nachgewiesen

Die beiden Antibiotika Bedaquilin und Delamanid gehören zu einer neuen Generation von hochwirksamen Tuberkulose-Medikamenten. Sie werden bislang nur als letztes verfügbares Mittel bei multiresistenter Tuberkulose eingesetzt. Nun weisen Wissenschaftler des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) und der Universität Zürich Resistenzen gegen diese beiden Antibiotika nach. Die Behandlung einer multiresistenten Tuberkulose wird damit zu einer grossen Herausforderung, warnen die Forschenden in der renommierten Fachzeitschrift New England Journal of Medicine.

Die Zulassungsbehörden in den USA und Europa bewilligten erst kürzlich die neuen Antibiotika Bedaquilin und Delamanid zur Behandlung einer multiresistenten Tuberkulose. Doch nun zeigen Forschende des Schweizerischen Tropen-und Public Health-Instituts (Swiss TPH) und der Universität Zürich in einer Fallstudie bereits eine Doppelresistenz gegen diese zwei Wirkstoffe.

Dramatische Krankengeschichte eines Flüchtlings in der Schweiz
2010 wird bei einem aus dem Tibet in die Schweiz eingewanderten Mann eine multiresistente TB diagnostiziert. Eine Therapie mit vier verschiedenen Antibiotika verläuft erfolglos. Erst der neue Wirkstoff Bedaquilin führt zu einem befriedigenden Behandlungsergebnis. 2013 wird der Patient für vollständig genesen erklärt und aus dem Spital entlassen. Doch nur fünf Monate später wird er mit einem Rückfall wieder eingeliefert. Nach wirkungsloser Behandlung mit sieben unterschiedlichen Antibiotika wird der Patient schliesslich auch mit dem neuen Antibiotika Delamanid behandelt. Doch auch gegen dieses Antibiotikum entwickeln die TB-Erreger innerhalb weniger Wochen Resistenzen. Der Patient überlebt nur Dank einer operativen Teilentfernung seiner Lungenflügel.

Rasante Verbreitung der multiresistenten Tuberkulose
Wissenschaftler am Swiss TPH haben mittels Genomanalysen die Erregerbakterien des Patienten über den ganzen Behandlungszeitraum von über 3 Jahren analysiert. Diese Untersuchung zeigt mit welcher Geschwindigkeit TB-Bakterien auch gegen die neuen Antibiotika Resistenzen entwickeln können. Um dies zu verhindern wäre wahrscheinlich eine gleichzeitige Kombinationstherapie unterschiedlicher Antibiotika notwendig. «Die Behandlung wäre wohl erfolgreicher verlaufen, hätte man die beiden neuen Antibiotika zusammen verabreicht», sagt Sebastien Gagneux vom Swiss TPH und Mitautor der Studie. Gemeinsam hätten die Antibiotika nicht nur alle Bakterien beseitigt, sondern die Resistenzbildung erschwert. Allerdings gibt es bislang keine Studien darüber, wie die beiden neuen Medikamente zusammen wirken und welche Nebenwirkungen dabei auftreten können.

Vernachlässigte Tuberkuloseforschung
Das Problem liegt nicht nur in der raschen Resistenz-Entwicklung der Bakterien. Über Jahrzehnte floss wenig Geld in die Erforschung neuer Wirkstoffe. Die Tuberkulose wurde in erster Linie als Krankheit von Entwicklungsländern verstanden. Doch dem ist längst nicht mehr so. In vielen Ländern Osteuropas verbreiten sich multiresistente TB-Stämme und treten auch in der Schweiz immer häufiger auf. «Dass eine multiresistente TB selbst in der Schweiz kaum heilbar ist, bereitet mir Sorgen», sagt Sébastien Gagneux.

Tuberkulose bleibt eine globale Bedrohung. Die Krankheit ist hoch ansteckend und überträgt sich von Mensch zu Mensch auf dem Luftweg. Multi-Resistenzen gegen gängige TB-Medikamente steigen insbesondere in Osteuropa, Asien und Teilen Afrikas dramatisch an. Neuartige Medikamente und Impfstoffe sind dringend notwendig, um diese Infektionskrankheit zu bekämpfen.
Studie

Acquired Resistance to Bedaquiline and Delamanid in Therapy for Tuberculosis.
Guido V. Bloemberg, Peter M. Keller, David Stucki, Andrej Trauner, Sonia Borrell, Tsogyal Latshang, Mireia Coscolla, Thomas Rothe, Rico Hömke, Claudia Ritter, Julia Feldmann, Bettina Schulthess, Sebastien Gagneux, and Erik C. Böttger, N Engl J Med. 373: 20, 2015. DOI: 10.1056/NEJMc1506878

Schmerzkongress: Prävention und Behandlung sind altersabhängig und beginnen im Alltag

In Deutschland leiden etwa 13 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen. Kinder und Jugendliche sind ebenso betroffen wie Erwachsene. Prävention und Behandlung brauchen individuelle und auf das Alter abgestimmte Konzepte. Welche Bedeutung das Lebensalter, Risikofaktoren und psychische Aspekte haben und wie Schmerzen erfolgreich behandelt werden können, diskutieren Experten auf der Pressekonferenz zum diesjährigen Deutschen Schmerzkongresses (14. bis 17. Oktober) in Mannheim.

Wehen, Geburt, Zahnen oder Krankheiten: Schmerz gehört zum Leben und begleitet jeden Menschen in jedem Lebensalter. Wenn Schmerz akut auftritt, warnt er und verweist auf die das Gefühl hervorrufende Körperpartie. Ohne Schmerz und seine Begleitung von Beginn des Lebens an könnten Menschen nicht überleben. Wird er aber ein chronischer Begleiter, suchen viele Menschen Rat bei einem spezialisierten Arzt oder Psychotherapeuten.

Auch Kinder können chronische Schmerzen haben

Für die Behandlung von chronischen Schmerzen ist dabei das Alter des Schmerzpatienten wichtig: „Entgegen früherer Annahmen, das Nervensystem sei noch nicht ausgereift genug, um Schmerz zu verarbeiten, wissen wir heute, dass bereits „Frühchen“ und Neugeborene sehr wohl Schmerz empfinden“, erklärt Dipl.- Psych. Dr. Paul Nilges, Leitender Psychologe am DRK Schmerz-Zentrum in Mainz. Kinder könnten sich schlecht mitteilen, das Schmerzempfinden sei dennoch vollständig entwickelt und bereit, auf körperliche Schädigungen zu reagieren. Die Folgen wiederholter schmerzhafter Eingriffe in dieser Zeit seien bis in das Erwachsenenalter nachweisbar.
„Typische Erwachsenenschmerzen wie Rücken- und Kopfschmerzen werden bei Kindern oftmals bagatellisiert“, beanstandet Dr. Nilges. Tatsächlich litten aber bereits Schulkinder überraschend häufig unter Kopfschmerzen und vor allem unter Bauchschmerzen, was zur Folge habe, dass sie häufiger im Unterricht fehlten und es zu Problemen in der Schule komme.

Funktionsstörungen sind häufig die Ursache von Schmerzen

Dr. Nilges erläutert: „Die häufigsten Schmerzformen wie Migräne und Spannungskopfschmerz können nicht durch krankhafte Veränderungen erklärt werden. Das erklärt auch, weshalb nicht die Ursachen, sondern meist nur die Symptome behandelt werden können.“ Ähnlich sei die Lage bei Rückenschmerzen. Über 80 Prozent aller Menschen leiden irgendwann im Leben unter ausgeprägten Rückenschmerzen. Bei weniger als 20 Prozent spielten dabei ernsthafte körperliche Veränderungen eine Rolle. Ursache für die Mehrzahl der „unspezifischen“, also normalen Rückenschmerzen, sind sogenannte Funktionsstörungen. Dr. Nilges: „Das Zusammenspiel zwischen Muskeln, Bändern, Gelenken und Sehnen ist gestört.“

Rücken- und Kopfschmerzen nehmen im Alter ab

In der Bevölkerung ist die Vorstellung verbreitet, dass mit dem Alter jede Form von Schmerzen zunehme, Schmerzen also zum Altern dazu gehörten und die Konsequenzen – wie eine eingeschränkte Lebensqualität und Mobilität – hingenommen werden müssten. Der Schmerzexperte Nilges hält dagegen und sagt, dass die wichtigsten Schmerzformen wie Kopf-, Gesichts- und Rückenschmerzen mit dem höheren Lebensalter abnähmen. „Menschen über 80 haben weniger Rückenschmerzen als 50 oder 60-jährige, sogar weniger als die Menschen unter 40: Die 80-Jährigen haben die wenigsten Rückenschmerzen aller Altersgruppen, eine Erkenntnis, die Hoffnung gibt“, fasst Dr. Nilges zusammen.

Psychische Belastungen wie Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, Stress in der Schule, belastende Lebensumstände, Schonung, fehlende Aktivitäten und mangelnde Entspannungsfähigkeit sind Risikofaktoren für chronische Schmerzen. „Prävention und Behandlung von Schmerz beginnen im Alltag. Wenn die Risikofaktoren erkannt und berücksichtigt werden, können umfassende Therapieansätze entwickelt werden, die das Alter und die Lebensumstände des Schmerzpatienten berücksichtigen – von Kleinkind bis zum Greis“, bilanziert Dr. Nilges.

Auf der Pressekonferenz des Deutschen Schmerzkongresses am 14. Oktober in Mannheim diskutieren die Experten darüber hinaus über die Themen „Schmerztherapie und Gesundheitspolitik“, „Qualitätssicherung in der Versorgung von Kopfschmerzpatienten“ und den Einfluss des Alterns auf Schmerzen. Quelle: Deutsche Schmerzgesellschaft e.V.