Institute stellen Friedensgutachten 2018 vor

„Kriege ohne Ende“: Wissenschaftler fordern von Bundesregierung mehr Diplomatie und weniger Rüstungsexporte

Am 12. Juni um 9:30 Uhr haben die führenden deutschen Friedensfor-schungsinstitute auf der Bundespressekonferenz in Berlin das Friedensgutachten 2018 vorgestellt. Sie fordern von der Bundesregierung mehr Diplomatie und restriktive Rüstungsexporte. Die gemeinsame Jahrespublikation des BICC (Bonn International Center for Conversion), des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), des Instituts für Entwicklung und Frieden (INEF) und des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) analysiert aktuelle Gewaltkonflikte, zeigt Trends der internationalen Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik auf und gibt Empfehlungen für die Politik. 2018 erscheint das Friedensgutachten in einem neuen Format und Design, mit einer neuen Kapitelstruktur und noch pointierteren Empfehlungen.

Forderungen an die Bundesregierung

Unter der Überschrift „Kriege ohne Ende. Mehr Diplomatie, weniger Rüstungsexporte“ analysieren Friedens- und Konfliktforscherinnen und -forscher der beteiligten Institute aktuelle Krisen und bewaffnete Konflikte weltweit. Die Analysen münden in thesenartig formulierten Forderungen für eine präventiv und nachhaltig angelegte Friedenssicherung, die auch Zwangsinstrumente einsetzen kann, wenn sie völkerrechtlich eindeutig legitimiert sind. Eine der zentrale Forderungen ist: „Die Bundesregierung sollte ein restriktives Rüstungsexportkontrollgesetz vorlegen. Genehmigungen für Exporte an Kriegsparteien im Jemen müssen widerrufen werden. Lieferungen an die Türkei sind zu unterbrechen, solange die Türkei völkerrechtswidrig agiert.“

Der Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran über die friedliche Nutzung von Kernenergie bedeutet nicht nur einen Angriff auf den Multilateralismus, sondern auch auf das Grundprinzip „pacta sunt servanda“ (Verträge sind einzuhalten). Das Friedensgutachten plädiert für eine selbstbewusste EU-Diplomatie, bei der Deutschland in erster Reihe steht: „Die Bundesregierung muss gemeinsam mit ihren Partnern Strategien ausloten, wie sich der Schaden des US-Vorgehens für die internationalen Beziehungen begrenzen lässt.“ Das Sonderkapitel „Fokus“ nimmt aus aktuellem Anlass den Nahen und Mittleren Osten als Konfliktregion in den Blick. Gerade hier müsse Deutschland eine proaktive diplomatische Rolle einnehmen und „Netzwerke in der Region noch stärker nutzen, um Gesprächskanäle zwischen verfeindeten Gruppen zu öffnen und eine moderierende Rolle einnehmen“, so die Empfehlung der Autorinnen und Autoren.

Das Friedensgutachten thematisiert zudem die Menschenrechte und fordert: „Die deutsche Kritik an Menschenrechtsverletzungen in der Türkei darf nicht mit der Freilassung einiger Staatsbürger verstummen.“ Auch die EU-Kooperation im Bereich der Migrationspolitik mit Ägypten, Äthiopien, Libyen oder dem Tschad dürfe nicht zu Menschenrechtsverletzungen führen.

Weitere Empfehlungen betreffen darüber hinaus die Interventionen in Afghanistan, die Beteiligung an UN-Friedensoperationen oder die Gestaltung von Flüchtlings- und Migrationspolitik.

Veranstaltungen

Im Anschluss an die Bundespressekonferenz stellen die Institute das Friedensgutachten in Berlin bei Ministerien, dem Kanzleramt, bei Bundestagsausschüssen und Fraktionen der Parteien vor. In Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie zu Berlin findet am 12. Juni ein öffentliches Abendforum in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin statt. Interessierte Bürgerinnen und Bürgern sind zum politischen Dialog eingeladen. Weitere Informationen unter http://www.eaberlin.de/seminars/data/2018/pol/das-friedensgutachten-2018-n

Neues Friedensgutachten

Seit 1987 veröffentlichen die deutschen Friedensforschungsinstitute das Friedensgutachten als zentrales Medium für den Dialog zwischen Wissenschaft und Politik. Mit seinen klaren Empfehlungen transferiert das Friedensgutachten wissenschaftliche Erkenntnisse in praktische Handlungsanweisungen. Interdisziplinäre Autorenteams aus Politikwissenschaft, Soziologie, Ethnologie, Physik und Regionalwissenschaften arbeiteten gemeinsam an den Kapiteln und brachten dabei verschiedene Blickwinkel ein. In seinem 31. Erscheinungsjahr wurde das Format und das Design des Friedensgutachtens komplett überarbeitet. Es gliedert sich nun in die fünf jährlich wiederkehrenden Themenfelder „Bewaffnete Konflikte“, „Nachhaltiger Frieden“, „Rüstungsdynamiken“, „Institutionelle Friedenssicherung“ und „Transnationale Sicherheitsrisiken“. Im zusätzlichen Kapitel, „Fokus“, wird ein Thema des aktuellen Konfliktgeschehens tiefergehend beleuchtet. Das Friedensgutachten wird von der Deutschen Stiftung Friedensforschung gefördert.

Alle Kapitel des Friedensgutachten 2018 stehen unter http://www.friedensgutachten.de zum Download zur Verfügung. In der Printversion erscheint es im LIT-Verlag und ist unter der ISBN-Nummer 978-3-643-14023-4 für 12,90 Euro im Buchhandel erhältlich.

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Buchempfehlung: Shinrin Yoku – Heilsames Waldbaden

Den Wald als Ort der Heilung entdecken

Shinrin Yoku oder „Waldbaden“ wurde in den 1980er Jahren in Japan entwickelt. Beim achtsamen Spazieren im Wald nimmt der Körper die ätherischen Öle der Bäume auf. Dadurch wird der Stresslevel gesenkt, das Immunsystem gestärkt und selbst der Blutzuckerspiegel reguliert sich.

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In diesem liebevoll gestalteten Buch vereint der weltweit führende Shinrin-Yoku-Experte Yoshifumi Miyazaki altes Wissen mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Umweltmedizin und Waldtherapieforschung. Sie lernen zahlreiche praktische Anwendungen kennen, die Ihnen dabei helfen den Wald mit allen fünf Sinnen zu erfahren. Ob Atemübungen im Grünen, achtsame Spaziergänge oder Chillen in der Hängematte zwischen den Bäumen – der Wald erdet uns und hat zahlreiche positive Effekte auf unseren Körper und unsere Psyche. Das Buch gibt zudem Tipps, wie Sie die Erkenntnisse der Waldtherapieforschung auch in der Stadt und in den eigenen vier Wänden nutzen können.

Autor:  Yoshifumi Miyazaki ist Universitätsprofessor, Forscher und stellvertretender Direktor des Zentrums für Umwelt, Gesundheit und Feldforschung an der Chiba Universität. Er hat mehrere Fachbücher über die positiven Auswirkungen der Waldtherapie veröffentlicht. Für die Klärung der gesundheitlichen Vorteile von Shinrin Yoku erhielt er Auszeichnungen vom japanischen Landwirtschaftsministerium und der Japanischen Gesellschaft für physiologische Anthropologie.

Gebundenes Buch, Pappband, 192 Seiten, 14,9 x 21,0 cm
mit ca. 100 Farbfotos
ISBN: 978-3-424-15347-7
€ 17,00 [D]

Buchempfehlung: Franz Alt – Flüchtling

Jesus, der Dalai Lama und andere Vertriebene. Wie Heimatlose unser Land bereichern

Die Geschichte der Menschheit ist eine Flüchtlingsgeschichte. Jeder Flüchtling aber ist mehr als eine zusätzliche Arbeitskraft, mehr als ein weiterer Steuerzahler und Finanzier der Renten. Er bereichert uns kulturell und spirituell. Schon vor 2.000 Jahren überlebte der Emigrant aus Nazareth nur, weil seine Eltern mit ihm vor dem Kindermörder Herodes nach Ägypten geflohen sind. Sein Leben und seine Lehre wurden eine Bereicherung für die ganze Welt. Zu unserer Zeit ist der charismatische Religionsführer Dalai Lama zum »spirituellen Lehrer der Welt und zum großen Vorbild für Toleranz« (Barack Obama) geworden, nachdem er 1959 aus Tibet nach Indien geflohen war. Wir dürfen unser christliches und humanistisches Gedächtnis nicht verlieren.

  • Flüchtlinge als kulturelle und spirituelle Bereicherung
  • Ein Appell für internationale Solidarität statt nationalistischer Interessen
  • Werben für ein Land, das durch die Zuwanderer toleranter, weltoffener und bunter wird

»Es sind solche Bücher mit ermutigenden Botschaften, denen man derzeit die größte Leserschaft wünscht.«

Maren Bonacker, Börsenblatt, Spezial Religion & Glauben (25.02.2016)

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 176 Seiten,12,5 x 20,0 cm
ISBN: 978-3-579-08643-9
€ 12,00 [D]  
Verlag: Gütersloher Verlagshaus

 

Mathematische Modelle für die Energiewende

Gas wird als Energieträger in den nächsten Jahrzehnten eine entscheidende Rolle zukommen. Doch wie kann man die deutschen Gasnetze für die wachsende Nachfrage bereitmachen? Das untersuchen Mathematiker der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), der TU Darmstadt, der TU und HU Berlin sowie dem WIAS Berlin im Transregio 154 „Mathematische Modellierung, Simulation und Optimierung am Beispiel von Gasnetzwerken“. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Förderung des Transregio nun um weitere vier Jahre verlängert.

Energiefragen stehen derzeit im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft. Denn es gilt, zügig eine sichere, saubere und klimafreundliche Energieversorgung zu entwickeln und gleichzeitig mit Energie möglichst effizient umzugehen. Das betrifft nicht nur den Energieverbrauch, sondern auch den Transport und die Verteilung der Energieträger.

Bei der Energieversorgung der nächsten Zukunft wird Gas eine wichtige Rolle als kritische Ressource spielen: Es ist noch reichlich vorhanden, wird gehandelt und ist schnell verfügbar. Man kann es speichern, aktuell überschüssige erneuerbare Energien in Gas umwandeln und das Gas in Leitungsnetzen zum Verbraucher transportieren.

Gleichzeitig steht eine Gasversorgung, die auf die mit Unsicherheit behafteten technischen, energetischen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen zugeschnitten ist und gleichzeitig zuverlässig sein soll, vor erheblichen Problemen. Beispiele dafür sind die Transport- und Netztechnik oder die Marktregulierung. So müssen Gastransporteure nachweisen, dass sie innerhalb gegebener technischer Kapazitäten jeden regulär am Markt zustande gekommenen Vertrag erfüllen können.

Komplexe mathematische Verfahren miteinander integrieren

Um diese Aufgaben zu lösen, bedarf es neuer mathematischer Instrumente. Sie zu entwickeln, ist das Ziel des Sonderforschungsbereichs SFB/Transregio 154 (TRR 154) „Mathematische Modellierung, Simulation und Optimierung am Beispiel von Gasnetzwerken“. Er wurde an der FAU vor vier Jahren eingerichtet und nunmehr von der DFG verlängert. Die 17 Teilprojekte des Transregio erarbeiten neue Erkenntnisse in verschiedenen Bereichen der Mathematik. In den vergangenen vier Jahren hat der TRR 154 bereits neue Verfahren der mathematischen Simulation, Modellierung und Optimierung entwickelt. Das besondere Alleinstellungsmerkmal des Projekts besteht darin, dass diese Verfahren Kenntnisse aus unterschiedlichen Domänen der Mathematik verbinden. In der zweiten Projektperiode liegt ein Schwerpunkt bei der Integration und Weiterentwicklung von in der ersten Periode entstandenen grundlegenden Methoden und Verfahren mit dem Fokus darauf, vermehrt Markt- und Unsicherheitsaspekte zu integrieren. Ein in den Sonderforschungsbereich integriertes Graduiertenkolleg unterstützt die fachwissenschaftliche Ausbildung der Teilnehmenden. Sie sollen bestmöglich auf eine erfolgreiche Wissenschafts- oder Industriekarriere vorbereitet werden.

Durch die Liberalisierung der Gasnetze kann der Energieträger am Markt nahezu beliebig gehandelt werden. Anders als Strom, der nahezu in Echtzeit übertragen wird, braucht Gas aber wie eine Flüssigkeit Zeit für den Transport und unterliegt anderen physikalischen Dynamiken. Sie lassen sich nur mit fortgeschrittenen mathematischen Verfahren, wie sie im TRR 154 entwickelt werden, behandeln. Angestrebt wird, Randbedingungen bei den Marktmodellen so festzulegen, dass die Versorgungssicherheit gewährleistet ist, auch unter Berücksichtigung der Unsicherheiten und Schwankungen am Markt, zum Beispiel Nachfrageschwankungen.

Breit anwendbare Erkenntnisse und Methoden

Die neuen Methoden heben die mathematischen Grundlagen zur Lösung der oben beschriebenen Herausforderungen auf ein neues Qualitätsniveau. Zudem sind die gewonnenen mathematischen Erkenntnisse nicht nur auf Gasnetze, sondern auch auf andere physische Transportnetze, beispielsweise Wasser- oder Stromnetze, anwendbar. Sie eignen sich darüber hinaus ganz allgemein für gemischt-ganzzahlige, nicht lineare und stochastische Optimierungsprobleme und liefern damit mathematische Grundlagen für die Behandlung zahlreicher praxisrelevanter Fragen, aber auch neue mathematische Theorien und Methoden.

Brustrekonstruktion mit Eigengewebe

Ein Jahr erfolgreiche Kooperation der Universitätsfrauenklinik Ulm mit renommiertem plastischen Chirurgen aus Düsseldorf.  Brustkrebs ist in Deutschland die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Über 70.000 neue Fälle werden jährlich gezählt, jede zehnte Frau ist im Laufe ihres Lebens betroffen. Entstehen im Rahmen der operativen Therapie größere kosmetische Brustdefekte, entscheiden sich viele Patientinnen für einen Wiederaufbau. Seit mittlerweile einem Jahr bietet die Universitätsfrauenklinik Ulm in Kooperation mit Professor Dr. Christoph Andree, einem in Düsseldorf tätigen Experten für Brustrekonstruktionen, den Brustaufbau mittels der freien Lappentechnik „DIEP“ an.

Hierbei wird Gewebe aus dem Unterbauchbereich – bestehend aus Haut und Unterhautfett – entnommen und transplantiert – ein hochentwickeltes Verfahren, das nur in wenigen zertifizierten Brustzentren angeboten wird. Am 1. Juni wurde die fünfte DIEP-Operation („deep inferior epigastric perforator“) erfolgreich durchgeführt.

„Für unsere Patientinnen ist die Diagnose Brustkrebs und vor allem Mastektomie ein großer Schock. Viele Frauen haben Angst, mit ihrer Brust auch ihre Weiblichkeit zu verlieren“, erklärt die operative Leiterin des Brustzentrums an der Universitätsfrauenklinik Ulm, Dr. Visnja Fink. „Wir freuen uns deshalb, dass wir mit der DIEP-Technik hier in Ulm eine schonende Brustrekonstruktion anbieten können, die durch Eigengewebe zu einer neuen, möglichst natürlichen Brust führt.“ Bei dem Verfahren der Eigengewebsrekonstruktion mittels DIEP wird das fehlende Brustvolumen durch Haut- und Fettgewebe mit Blutgefäßen aus dem Unterbauch ersetzt. Einer der Vorteile dieses sogenannten freien Lappentransfers gegenüber der gängigen Eigengewebs-Brustaufbaumethode mittels gestielten Lappenplastiken, bei der Gewebe mit den zugehörigen blutversorgenden Gefäßen und Nerven transplantiert wird, besteht darin, dass kein Muskelgewebe entnommen wird. Der Bauch als Entnahmestelle wird so geschont und durch eine Bauchdeckenstraffung – für viele ein willkommener Nebeneffekt – direkt verschlossen. Die entstandene Narbe am Bauch liegt sehr tief und kann durch Kleidung gut verdeckt werden. Da das entnommene Unterbauchgewebe in Konsistenz und Struktur der weibliche Brust sehr ähnlich ist, ergibt diese Form der Rekonstruktion ein äußerst natürliches Ergebnis.

Seit mittlerweile einem Jahr führt die Universitätsfrauenklinik die Rekonstruktionsmethode nun erfolgreich in Zusammenarbeit mit Professor Andree, einem international renommierten Experten und Chefarzt der plastischen und ästhetischen Chirurgie in Gerresheim (bei Düsseldorf), durch. „Die brustchirurgische Abteilung unserer Klinik hat ihr Portfolio deutlich erweitert. Neben dem Wiederaufbau mittels Implantat können wir, wie nur ganz wenige Zentren in Deutschland, nun alle Formen des Wiederaufbaus aus körpereigenem Gewebe anbieten“, erklärt der Ärztliche Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Ulm und Leiter der deutschen Expertenkommission für Brustkrebs (AGO Mamma), Professor Dr. Wolfgang Janni. „Wir können nun noch besser und individueller auf die Bedürfnisse unserer Patientinnen eingehen“, stimmt Professor Dr. Jens Huober, Leiter des zertifizierten Brustzentrums, zu.

Am 1. Juni wurde die insgesamt fünfte DIEP-Operation am Universitätsklinikum Ulm erfolgreich durchgeführt. Da die Kooperation mit Prof. Andree seit einem Jahr sehr positiv verläuft, will die Universitätsfrauenklinik die Zusammenarbeit in Zukunft ausweiten. Geplant ist zum Beispiel, gemeinsam mit Prof. Andree auch rein kosmetische Eingriffe wie etwa Brustvergrößerungen anzubieten.

Quelle: Universitätsklinikum Ulm

Lungenärzte warnen vor Verharmlosung der E-Zigarette

Immer mehr Menschen konsumieren E-Zigaretten, in der Annahme, diese sei weniger gesundheitsschädlich als herkömmliche Zigaretten. Doch insbesondere Jugendliche werden oft durch den süßen Geschmack und die vielen Aromastoffe, wie Tiramisu und Waldfrucht, an das Rauchen herangeführt. Eine aktuelle Studie zeigt nun, dass diese Aromastoffe nicht ungefährlich sind. Sie können beispielsweise Diabetes, Asthma und Krebserkrankungen verursachen. Auch die Folgen des Tabakkonsums werden in der Bevölkerung weiterhin unterschätzt. Anlässlich des Weltnichtrauchertags am 31. Mai 2018 fordert die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) daher von der Politik ein komplettes Werbeverbot für diese Produkte sowie mehr gesundheitliche Aufklärung, die sowohl vor den Folgen des Konsums von E-Zigaretten als auch des Tabakkonsums warnt. 

Inzwischen konsumieren in Deutschland etwa eine Millionen Menschen regelmäßig E-Zigaretten. „Grund für diesen gestiegenen Trend ist sicherlich die Annahme, E-Zigaretten seien weniger gesundheitsschädlich und eine gesündere Alternative zum Tabakkonsum“, erklärt Professor Dr. med. Klaus F. Rabe, Präsident der DGP und Chefarzt der Abteilung Pneumologie an der LungenClinic Grosshansdorf. Denn im Gegensatz zu Tabak enthalten E-Zigaretten keine Verbrennungsprodukte und gelten deshalb als weniger gesundheitsschädlich als Tabakzigaretten. „Doch trotz geringerer Toxizität kann auch das E-Rauchen massive gesundheitliche Probleme verursachen“, verweist Rabe auf diverse Forschungsergebnisse. Eine aktuelle amerikanische Studie (1) zeige nun beispielsweise, dass die der E-Zigarette zugesetzten Aromastoffe die Lunge reizen und das Immunsystem negativ beeinflussen können.

In ihrer Untersuchung zeigten die Forscher, dass alle getesteten 49 Aromen beim Rauchen unterschiedliche Mengen freier Radikale freisetzen, die oxidativen Stress in den Zellen verursachen und diese so schädigen. Dies könne Erkrankungen wie Diabetes, Asthma, Parkinson sowie Lungen- und Darmkrebs verursachen. Insgesamt gibt es fast 8000 verschiedene aromatische Zusatzstoffe, die der E-Zigarette zugesetzt werden können. Sie werden zwar von der Lebensmittelindustrie bereits als Lebensmittelzusatzstoffe verwendet und als gesundheitlich unbedenklich eingestuft. „Doch sobald sie erhitzt und inhaliert werden scheinen diese Aromen Schadstoffe zu produzieren, die der Lunge und dem Immunsystem schaden“, warnt Rabe. Weitere Untersuchungen finden hierzu bereits statt.

Zudem sind in E-Zigaretten Gifte wie Nitrosamine, Diethylenglykol und Formaldehyd bereits nachgewiesen worden. Das ebenfalls enthaltene Propylenglykol – das Verneblungsmittel, welches ebenso in Diskotheken eingesetzt wird – kann die Atemwege reizen. „Wie sich das langfristig auf die Lunge auswirkt kann man jetzt noch nicht sagen. Langzeitstudien dazu fehlen noch“, so Rabe. „Und dass durch das zugesetzte, süchtig machende Nikotin der Schritt von der E-Zigarette zum Tabakkonsum nicht weit ist, zeigen ebenfalls mehrere Studien.“

Anlässlich des Weltnichtrauchertags am 31. Mai fordert die DPG daher von der Politik mehr Maßnahmen zur Aufklärung gesundheitlicher Risiken des Tabak- sowie E-Zigarettenkonsums. Denn auch beim Tabakkonsum liegt die Zahl der Raucher hierzulande immer noch höher als in den meisten anderen Industrieländern. Daran haben auch Schockbilder auf Zigarettenschachteln wenig verändert. „Viele haben ihren Konsum zwar eingeschränkt, jedoch nicht komplett eingestellt. Hier ist die Annahme weit verbreitet, dass ein oder zwei Zigaretten am Tag die Gesundheit nicht gefährden“, sagt Rabe. Doch einer Meta-Studie (2) zufolge haben auch Männer, die nur eine Zigarette am Tag rauchen, ein um 48 Prozent höheres Risiko für Herzerkrankungen und ein um 25 Prozent höheres Risiko für Schlaganfall als Nichtraucher. Bei Frauen liegt das Risiko sogar noch höher: es steigt um 57 Prozent für Herzerkrankungen und um 31 Prozent für Schlaganfall. Bezüglich der E-Zigaretten und des Tabakkonsums besteht also noch großer Aufklärungsbedarf in der Bevölkerung.

Zudem fordert die DPG seit Jahren ein umfassendes Werbeverbot für E-Zigaretten sowie Tabakprodukte, um insbesondere junge Menschen vor gesundheitlichen Schäden schützen. Außerdem sollten Betroffene professionelle Entwöhnungsprogramme auf Rezept erhalten können. Noch gibt es solche Maßnahmen in Deutschland nicht: Die meisten Kurse und wirksame Medikamente muss der Raucher aus eigener Tasche bezahlen.

Quellen:

(1) Zachary T.Bitzer et al., Effect of flavoring chemicals on free radical formation in electronic cigarette aerosols, Free Radic Biol Med. 2018 May 20;120:72-79. doi: 10.1016/j.freeradbiomed.2018.03.020. Epub 2018 Mar 13.

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0891584918301230?via%3Dihub  

(2) Allan Hackshaw et al., Low cigarette consumption and risk of coronary heart disease and stroke: meta-analysis of 141 cohort studies in 55 study reports, BMJ 2018;360:j5855

https://www.bmj.com/content/360/bmj.j5855

Gesundheitsförderung: Neuer 3.000-Schritte-Bewegungsparcours in Mannheim

Ab sofort gibt es auf der Hochstätt einen neuen „3000-Schritte-Bewegungsparcours“. Er ist ein konkretes Beispiel dafür, wie die Ziele aus dem im Jahr 2010 erarbeiteten Handlungs- und Entwicklungskonzept der Stadt für den Stadtteil umgesetzt werden können.

„Prävention und Gesundheitsförderung tragen dazu bei, Wohlbefinden, Mobilität, Gesundheit und Lebensqualität für Menschen jeden Alters und aller sozialen Schichten zu erhalten und zu verbessern. Daher freue mich besonders über die Einrichtung des Bewegungsparcours‘ als niederschwelliges Angebot für alle Bürger“, betont Gesundheitsbürgermeistern Dr. Ulrike Freundlieb.

Ausgangspunkt des Bewegungsparcours‘ ist das Quartiermanagement im Karolingerweg 2-4. Von hier aus geht es über die Rohrlachstraße zum Mehrgenerationenpark. Dort werden gemeinsam Bewegungsübungen angeboten. Weiter geht es über den Feldweg Bösfeld an der Autobahn zum Bösfeldweg, in die Rohrlachstraße und zurück in den Karolingerweg zum Quartiermanagement. Die Laufstrecke beträgt etwa eineinhalb Kilometer, ist barrierefrei und kann auch mit dem Rollator oder Kinderwagen gut begangen werden. Der Parcours kann vollständig oder in Teilstrecken jederzeit von allen Bürgern zum Gehen und Laufen im individuellen Tempo genutzt werden.

Immer donnerstags von 10 bis 11 Uhr besteht darüber hinaus die Möglichkeit zum gemeinsamen Laufen und Gehen des Weges, begleitet vom Quartiermanagement Hochstätt. Start ist am Büro des Quartiermanagements im Karolingerweg 2-4.

Bis zum Beginn der Sommerferien gibt es zudem noch ein besonderes Angebot für die Nutzer des Bewegungsparcours: Eine Physiotherapeutin bietet bei dem Rundgang auf dem 3.000-Schritte-Bewegungsparcours spezielle Übungen zu Kraft, Balance und Koordination an. Die Dauer beträgt zirka 20 Minuten.

Die Anleitung auf dem Weg wird von der AOK Mannheim finanziell unterstützt und ist somit kostenfrei für Jung und Alt. Das gemeinsame Gehen und Laufen des Weges wird ganzjährig vom Quartiermanagement begleitet.

Der 3.000-Schritte-Bewegungsparcours wurde von einem Arbeitskreis, bestehend aus Quartiermanagement, Fachbereich Gesundheit der Stadt Mannheim und Bewohnerinnen der Hochstätt entwickelt. Das Projekt sollte für alle Altersgruppen offen sein. Am Arbeitskreis nahmen vier Bürgerinnen teil: zwei türkisch-sprachige Frauen in der Altersgruppe von 30 bis 40 Jahren sowie zwei Frauen im Alter von 75 bis 80 Jahren.

Hintergrund
Seit dem Jahr 2010 setzt die Stadt Mannheim ein integriertes Handlungs- und Entwicklungskonzept für den Stadtteil Hochstätt um. Zwei der zwölf Handlungsfelder, die identifiziert wurden, sind „Gesundheitsförderung“ und „Sport und Freizeit“. Ein Ziel ist hier die Erhöhung niedrigschwelliger Gesundheitsbildung sowie anfängergeeigneter Sportangebote. Der 3000-Schritte-Bewegungsparcours ist ein Baustein, mit dem dieser Ansatz konkret vor Ort umgesetzt wird. Die Initialzündung für das Projekt entstand durch die Teilnahme des Fachbereichs Gesundheit an der Initiative „Kommunale Gesundheitsförderung“ des Landesgesundheitsamtes.

Gesund arbeiten in der digitalen Arbeitswelt

Im Zeitalter des digitalen Wandels ändert sich auch zunehmend unsere Arbeitswelt. Gerade jetzt gilt es, Lebensqualität am Arbeitsplatz zu schaffen, damit Mitarbeiter gesund und leistungsfähig bleiben. Doch was bedeutet das für das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM)? Die Trendstudie #whatsnext hat Entwicklungstendenzen und Praxistipps erarbeitet, wie Unternehmen sich den zukünftigen Herausforderungen und veränderten Bedürfnissen der Beschäftigten in der digitalen Arbeitswelt anpassen können.

Die Arbeitswelt verändert sich

Digitalisierung und Technologisierung bringen den Unternehmen nicht nur neue Möglichkeiten. Unsere Arbeit ist dynamischer, komplexer und schneller geworden. Der Mensch ist permanent erreichbar, mobil und gerät mehr unter Zeit- und Leistungsdruck. Stress und Krankheit sind vorprogrammiert. Unternehmen wissen, dass ihr Erfolg vor allem auf der Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter basiert – „Arbeit 4.0“ wird das zukünftige Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) daher deutlich verändern. Themen von Bedeutung werden gesundes Führen, gesunde Unternehmenskultur, Wissenssicherung, Feedbackkultur, Change- und Konfliktmanagement sowie digital Leadership sein.

Durch Bedarfsanalysen Beschäftigte gezielter erreichen

Mit Standard-Maßnahmen im Gesundheitsmanagement kann es schwierig werden, den Großteil der Belegschaft zu erreichen. Ein Außendienstmitarbeiter wird meist andere Bedürfnisse und gesundheitliche Anforderungen haben als der Azubi oder die Büroangestellte in Teilzeit. Systematische Bedarfsanalysen können dabei helfen, die richtigen Maßnahmen für die unterschiedlichen Zielgruppen im Unternehmen zu finden. Vor allem partizipative Verfahren wie Befragungen und Workshops werden dabei an Bedeutung gewinnen. Das Übertragen der Ergebnisse in ein Kennzahlensystem ermöglicht den Betrieben dann Umfang, Art und Erfolg ihrer Gesundheitsmaßnahmen besser nachzuverfolgen und zu überprüfen.

Maßnahmen werden digitaler und spielerischer

Laut der Studie wird der Einsatz digitaler Maßnahmen wie Gesundheits-Apps, Wearables (tragbare Sensoren) und Gesundheits-Portalen in den nächsten Jahren eine deutlich größere Rolle spielen. Zum einen ist damit die richtige Zielgruppe leichter zu erreichen, zum anderen ist ein spielerischer Ansatz möglich. So können etwa Schrittzähleraktionen oder persönliche Ranglisten die Motivation fördern und gesundheitsförderliches Verhalten mit Spaß verstärken. Vor diesem Hintergrund wird der Schutz personen- und gesundheitsbezogener Daten ein noch wichtigeres Thema werden.

Maßnahmen näher an den Arbeitsplatz bringen

Je näher am Arbeitsplatz und zeitsparender das Angebot, desto erfolgsversprechender. Betriebsinterne Gesundheitsmaßnahmen können deshalb auch nicht-gesundheitsbewusste Beschäftigte nachhaltig sensibilisieren, weil sie diese direkt am Arbeitsplatz, oft auch während der Arbeitszeit, mit Angeboten und Informationen konfrontieren. Als „Gesundheitsbotschafter“ könnten z.B. beauftragte Mitarbeiter mit Migrationshintergrund die Kollegen ansprechen, die ansonsten aufgrund sprachlicher oder kultureller Barrieren möglicherweise nicht erreicht werden.

Ausschlaggebend ist die richtige Gesundheitskommunikation

Für Akzeptanz und Verständnis von Veränderungen wird eine direkte und persönliche Gesundheitskommunikation mit den Beschäftigten eine ausschlaggebende Rolle spielen. Diese ermöglicht ein direktes Feedback, die Beantwortung konkreter Fragen, aber auch die Vermittlung von emotionalen Botschaften. Empfohlen wird eine systematische Vorgehensweise und Kombination verschiedener Techniken. Dabei werden auch neuartige Kommunikationswege wie „gesunde“ Betriebsausflüge, Gesundheitstheater oder Gesundheits-Flashmobs an Bedeutung gewinnen. Wichtigste Promotoren für das Thema Gesundheitsförderung sind laut der Studie aber die Führungskräfte. Um diese entsprechend zu qualifizieren, sind ausreichende Ressourcen und Unterstützungsangebote essentiell.

Praxistipps „BGM 4.0“

Auf die deutlichen Änderungen für das BGM im Zeitalter von Arbeit 4.0 sollten sich kleine und mittelständische Unternehmen früh einstellen und Lösungen entwickeln. Aus den Ergebnissen der #whatsnext-Studie werden dafür konkrete Handlungsfelder aufgezeigt und Praxistipps formuliert. Mehr zu diesem Thema erfahren Sie im Beitrag „Die BGM-Studie whatsnext“ von Dr. Fabian Krapf et al. in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Umweltmedizin“ (ASU) unter https://www.asu-arbeitsmedizin.com/Archiv/ASU-Heftarchiv/article-817184-110576/d…. Die komplette Studie können Sie unter https://www.ifbg.eu/detail/whatsnext-zukunftsstudie-zum-bgm-in-deutschland/ downloaden.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V.

 

RISIKO: Zucker beeinflusst Stoffwechselvorgänge in Darm, Leber und Gehirn

Adipositas ist der stärkste Risikofaktor für die Entstehung eines Diabetes Typ 2: 80-90 Prozent der Menschen in Deutschland mit Diabetes Typ 2 sind auch adipös. Zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke, insbesondere Softdrinks, fördern Übergewicht und Typ-2-Diabetes. Dafür ist zum einen der hohe Kaloriengehalt verantwortlich, zum anderen zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse, dass Saccharose auch unabhängig vom Körpergewicht aufgrund seiner Zusammensetzung aus Fruktose und Glukose bestimmte Stoffwechselabläufe ungünstig beeinflusst: So regt Fruktose die Entstehung einer Fettleber an. Glukose setzt im Dünndarm das Hormon GIP frei, das unter anderem ebenfalls für die Entwicklung einer Fettleber verantwortlich ist und eine Insulinresistenz fördert. 

In Deutschland sind zwei von drei Männern und jede zweite Frau übergewichtig, knapp ein Viertel ist sogar adipös, also schwer übergewichtig. 13 Prozent der Kinder in Deutschland haben Übergewicht, über sechs Prozent sind adipös. Das sind mehr als doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Adipositas ist zur häufigsten chronischen Erkrankung im Kindes- und Jugendalter geworden. Circa zehn Prozent sehr adipöser Jugendlicher weisen auch eine Störung der Glukosetoleranz auf. Der Zusammenhang zwischen dem Konsum zuckerhaltiger Getränke (Softdrinks) und Übergewicht sowie Typ-2-Diabetes ist in Studien belegt.

„Auch wenn die Gesamtkalorienzahl die Hauptrolle bei der Adipositasentstehung spielt, trägt Zucker aufgrund seiner Zusammensetzung gleich mehrfach dazu bei“, sagt Professor Dr. med. Andreas F. H. Pfeiffer, Leiter der Abteilung für Klinische Ernährung am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) Potsdam-Rehbrücke und Leiter der Abteilung für Endokrinologie, Diabetes und Ernährung der Charité Campus Benjamin Franklin/Charité Universitätsmedizin Berlin. 

Glukose setzt im oberen Dünndarm aus den sogenannten K-Zellen das Hormon Glukoseinduziertes Insulinotropes Peptid, (GIP), frei. „Dadurch bewirkt sie unter anderem die Entstehung einer Fettleber sowie einer Insulinresistenz“, erklärt Professor Pfeiffer. „Denn das GIP steuert einerseits im Fettgewebe die Lipolyse und sorgt dafür, dass weniger Fett aus den Speichern nach einer Mahlzeit verbrannt werden kann. Weiterhin steuert es die Durchblutung im Darm, so dass das Blut möglichst effektiv mit seinen Nährstoffen zu den Speicherorganen kommt und nicht erst als Glykogen in der Leber abgelagert wird.“ Außerdem wirke GIP auf das Gehirn, wo es die Freisetzung des appetitanregenden Hormones Neuropeptid Y (NPY) steigere. Darüber hinaus bewirkt GIP auch eine erhöhte Trägheit. „Die Gewichtszunahme mit dem Eintritt der Menopause bei Frauen scheint ebenfalls mit dem Hormon GIP zusammenzuhängen“, so Professor Pfeiffer.

Fruktose wird zu etwa 90 Prozent von der Leber extrahiert und unter hohem Energieverbrauch verstoffwechselt. Fruktose ist in höherer Dosis ein unmittelbarer Stimulator der Fettsynthese in der Leber. Professor Pfeiffer erläutert: „Dies wird auch in epidemiologischen Studien bestätigt, in denen die Fettleber eng mit dem Fruktosekonsum zusammenhängt. In kürzlich publizierten Studien an Kindern konnte sogar gezeigt werden, dass eine kurzfristige Einschränkung der Fruktoseaufnahme zu einer schnellen Verbesserung der Fettleber führt.“ Darüber hinaus rege Fruktose die Harnsäurebildung an. „Ein hoher Harnsäurespiegel kann Gicht auslösen und wird mit anderen Stoffwechselstörungen wie beispielsweise einem erhöhten Blutdruck und Insulinresistenz in Zusammenhang gebracht.“ Somit fördere Zucker auf besondere Weise verschiedene Aspekte zivilisatorischer Stoffwechselkrankheiten. Maßnahmen dagegen diskutieren die Teilnehmer des 53. Frühjahrskongresses der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Quelle: Deutsche Diabetes Gesellschaft

Herausforderung Krebsprävention

Die Rate der Krebsneuerkrankungen ließe sich um bis zu 45 Prozent senken – würden alle Maßnahmen der Krebsprävention konsequent umgesetzt. Am 15. und 16. Februar tagen im Deutschen Krebsforschungszentrum international ausgewiesene Experten aus allen Gebieten der Krebsprävention. Ziel der Forscher ist es, gemeinsam Strategien zu entwickeln, um dieses enorme Potential in Zukunft besser auszuschöpfen.

Ob sich Menschen an die Empfehlungen zur Krebsprävention halten oder eben nicht, macht einen gewaltigen Unterschied: Um bis zu 45 Prozent ließe sich die Rate der Krebserkrankungen durch konsequente Prävention senken. Dies ermittelten US-Forscher kürzlich bei der Zusammenfassung mehrerer großer epidemiologischer Studien. Zugleich schützt ein „krebsgesunder“ Lebensstil auch vor anderen schweren Krankheiten, insbesondere vor Herz-Kreislauferkrankungen.

„Wir müssen das enorme Potential der Krebsprävention noch viel besser ausschöpfen“, sagt Michael Baumann, der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ). „Denn schließlich ist die beste Krebstherapie, die Entstehung von Krebs zu verhindern, oder Methoden zu entwickeln, Krebserkrankungen so früh zu erkennen, dass sie mit sehr gutem Erfolg mit den heutigen Methoden behandelt werden können. Bedauerlicherweise wird diesem überaus wichtigen Forschungsfeld nach wie vor zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die Konferenz bietet uns die Gelegenheit, mit international ausgewiesenen Experten aus allen Gebieten der Präventionsforschung passende Präventionsstrategien zu diskutieren.“

Die bekannten evidenzbasierten Maßnahmen, mit denen jeder einzelne sein individuelles Krebsrisiko reduzieren kann, bezeichnen Mediziner als Primärprävention. Sie verhindern, dass Krebs entsteht: Tabak und Alkohol meiden, körperlich aktiv sein, Gemüse dem roten Fleisch vorziehen, Impfungen wahrnehmen. Als Sekundärprävention gelten Vorsorgeuntersuchungen, die Krebsvorstufen in einem heilbaren Stadium aufspüren. Doch diese individuellen Initiativen reichen nicht aus, um die Prävention in die breite Bevölkerung zu tragen, führt Ernest Hawk vom MD Anderson Cancer Center in Houston in seinem Eröffnungsvortrag aus. Um insbesondere die benachteiligten Gruppen zu erreichen, müssen Politik und Bildungseinrichtungen unterstützende Angebote und Programme liefern.

Liegt Krebs in der Familie, so sind spezielle Präventionsmaßnahmen erforderlich. Liegt gar eine Mutation der „Brustkrebsgene” BRCA 1 oder BRCA 2 vor, so ist der radikalste Weg, das persönliche Krebsrisiko zu reduzieren, die chirurgische Entfernung beider Brüste und der Eierstöcke. Dies ist für Frauen eine fast unzumutbare Entscheidung, erst recht, wenn das genetische Risiko möglicherweise gar nicht stark ausgeprägt ist. Judy Garber, Dana Faber Cancer Institute, Boston, stellt eine Vielzahl von Studien vor, die alternative Ansätze zur Reduktion des Brust- und Eierstockkrebsrisikos von Frauen mit genetischer Prädisposition prüfen. Dazu zählt der Einsatz von Impfungen oder verschiedenen Wirkstoffen gegen krebstreibende Genprodukte.

Viele Menschen tragen nicht in all ihren Körperzellen identisches Erbgut, sondern ihr Körper gleicht einem genetischen Mosaik. Dies entsteht, wenn in einem frühen Entwicklungsstadium eine der embryonalen Zellen einen Teil eines Chromosoms verliert. Seit einigen Jahren ist bekannt, dass ein Gen-Mosaik mit erhöhten Krebsrisiken in Verbindung steht. Stephen Chanock, National Cancer Institute, Rockville, USA, erkannte, dass einige Mosaik-Typen Risikomarker für bestimmte Krebsarten darstellen. Damit konnte der US-Forscher Personengruppen mit einem bislang nicht bekannten erhöhten Krebsrisiko identifizieren, die eine besonders intensive Früherkennung wahrnehmen sollten.

Als Chemoprävention bezeichnen Forscher die Möglichkeit, die Krebsentstehung durch Medikamente und Wirkstoffe zu verhindern. So könnten Tamoxifen und Aromatase-Inhibitoren vor Brustkrebs schützen – haben aber teilweise schwerwiegende Nebenwirkungen. Deswegen ist sorgfältig abzuwägen, welche Frauen tatsächlich davon profitieren. Jack Cuzick, vom Wolfson Institute of Preventive Medicine in London, hat ein Entscheidungsmodell entwickelt, das anhand einer ausführlichen Familienanamnese Frauen mit sehr hohem Risiko identifiziert. Nun stellt er vor, wie die Einbeziehung von Brustdichte und genetischem Risikomarker-Profil die Aussagekraft der Berechnung weiter steigert.

Unter „tertiärer Prävention“ verstehen Experten, das Fortschreiten einer Krebserkrankung zu verlangsamen und zu verhindern, dass der Tumor wiederkehrt. So hängt die Langzeitprognose bei Brustkrebs wesentlich vom molekularen Tumortyp ab, von seiner Größe und seinem Stadium bei der Erstdiagnose. Aber darüber hinaus spielen Faktoren, die jede Betroffene selbst in der Hand hat, eine wesentliche Rolle, ob der Krebs zurückkehrt. Jenny Chang Claude vom DKFZ wertete die Langzeitergebnisse der MARIE-Studie aus und stellte dabei fest: Auch der Lebensstil nach der Diagnose hat einen entscheidenden Einfluss auf die Brustkrebssterblichkeit.

Zum Abschluss der Tagung entwickelt Hermann Brenner, ebenfalls DKFZ, am Beispiel Darmkrebs ein integriertes Modell für die Krebsprävention der Zukunft: Was ließe sich erreichen, würden alle Maßnahmen der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention, also Vorbeugung, Früherkennung und Rückfallprophylaxe, konsequent umgesetzt? Der Präventionsexperte setzt sich dafür ein, dass diese integrierte Strategie auch in die breite Gesundheits- und Patientenversorgung Eingang findet.